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Schuldenkrise : Griechische Tragödie

Da haben wir den Salat: Und er ist auch noch teurer geworden Bild: dapd

Nirgends in der Eurozone zogen die Preise nach Einführung des Euro schneller an als in Griechenland. Warnungen hat es viele gegeben. Das Land aber schritt wohlgemut seinem Untergang entgegen.

          3 Min.

          Es ist verblüffend, wie vorhersehbar Griechenlands Finanzdesaster war – im Nachhinein betrachtet. Dass die verantwortungslose Schuldenmacherei der Athener Regierungen nicht ewig so weitergehen könne, davor warnten viele. Dass die Weigerung griechischer Politiker, ihren Wählern die Wahrheit zuzumuten, eines Tages zu einem bösen Ende führen werde, war ebenfalls seit Jahren zu hören. Doch wie exakt einige Kassandras das Unheil schon vor einem Jahrzehnt kommen sahen, das ist bemerkenswert.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Früh warnten sie vor dem starken Anstieg der Lebenshaltungskosten, der mit dem Euro in Griechenland Einzug hielt und die ohnehin angeschlagene Wettbewerbsfähigkeit des Landes weiter beeinträchtigte. Im Januar 2002, als die neue Währung als Bargeld eingeführt wurde, betrug der Umrechnungskurs 340 Drachmen für einen Euro. Wer damals 3400 Drachmen bei sich trug, hatte viel Geld. Davon ließ sich zum Beispiel ohne Schwierigkeiten ein Mittagessen in einer üblichen Taverne bezahlen, das Glas Wein inklusive. Doch für zehn Euro, das zeigte sich bald, bekamen die Griechen von 2002 an schlagartig weniger als zuvor noch für 3400 Drachmen. In Geschäften und Restaurants wurde großzügig aufgerundet, und viele Griechen hatten Schwierigkeiten, sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass nun selbst Münzen etwas wert waren – im Gegensatz zu den Lepta, den griechischen Pfennigen.

          Bedrohliche Ausmaße

          Der Euro war wirklich ein Teuro in Griechenland. Nirgends in der Eurozone zogen die Preise schneller an. Die Inflation tat, was man ihr in solchen Fällen nachsagt: sie galoppierte. Im gesamten Euro-Raum stiegen die Preise zwischen Juni 2001 und Juni 2002 um 1,8 Prozent, in Griechenland hingegen um 3,6 Prozent. Das hatte auch damit zu tun, dass viele Griechen glaubten, sich nach den halbgaren Bemühungen, die Euro-Stabilitätskriterien zu erfüllen, eine Pause von den Reformanstrengungen verdient zu haben. Kaum war das Land in der Eurozone, setzten die Gewerkschaften in fast allen Branchen deftige Lohnerhöhungen durch. Nikolaos Garganas, damals Chef der griechischen Zentralbank, warnte schon im August 2002: „Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, wird Griechenland seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die Möglichkeit einer Abwertung, um den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit zu kompensieren, besteht aber nicht mehr.“ Garganas appellierte an die Gewerkschaften, die Lohnabschlüsse in den übrigen Euro-Staaten zu berücksichtigen – vergeblich, versteht sich.

          Ein Jahr später hatte die Schieflage bedrohliche Ausmaße angenommen. Giorgios Alogoskoufis, Wirtschaftsfachmann der damals oppositionellen konservativen Volkspartei Nea Dimokratia, warnte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die (scheinbare) Haushaltskonsolidierung sei der griechischen Regierung nur über „schöpferische Buchhaltung“ gelungen. Nachdem die Nea Dimokratia im Frühjahr 2004 die Wahlen gewonnen hatte und Alogoskoufis selbst Wirtschaftsminister geworden war, fügte er der nichtolympischen Disziplin der schöpferischen Buchhaltung dann selbst einige vollendete Meisterwerke hinzu. Statt die Inflation zu bekämpfen, erfand die Regierung immer raffiniertere Methoden, um ihre europäischen Partner durch das Melden geschönter Defizitzahlen an die europäische Statistikbehörde Eurostat zu narren. In vielen Branchen handelten Arbeitgeber und Arbeitnehmer unterdessen Lohnanhebungen um 6 Prozent aus – denn in Athen standen die Olympischen Sommerspiele vor der Tür, und man wollte um jeden Preis Streiks vor oder während des Spektakels verhindern. Niemand hörte auf den ehemaligen Wirtschaftsminister Stefanos Manos, einen der ganz wenigen, der stets die unsolide Haushaltspolitik des Landes kritisiert hatte und vor der hohen Inflation und überzogenen Tarifabschlüssen warnte: „Setzt sich das fort, endet es in einem Desaster.“

          Immer mehr Gäste mieden das Land

          Das Leben wurde immer teurer, doch die Griechen schritten wohlgemut ihrem Untergang entgegen. Im Jahr 2005 war die Inflationsrate Griechenlands wieder doppelt so hoch wie im Durchschnitt der anderen Euro-Staaten. Nikolaos Garganas, immer noch Chef der Zentralbank, mahnte, es müsse endlich entschlossene Reformen im Rentensystem und beim Arbeitsrecht geben, andernfalls drohe Griechenland der Kollaps. Die Schuldenlast, so der Notenbankchef, werde die Leistungsfähigkeit der griechischen Volkswirtschaft sonst überfordern. Garganas forderte die Regierung dazu auf, Anreize für eine längere Lebensarbeitszeit der Griechen zu schaffen, die damals im statistischen Mittel mit 59,5 Jahren in Rente gingen. Der mächtige Dachverband der griechischen Gewerkschaften, GSEE, protestierte: Sozialabbau! Die Inflation müsse stattdessen durch höhere Löhne ausgeglichen werden.

          Dabei waren die Folgen der Teuerung längst schon im Tourismus zu spüren, dem neben der Containerschifffahrt wichtigsten Wirtschaftszweig der Griechen. Immer mehr Gäste mieden das Land. Viele zog es in die Türkei, wo Arrangements in mindestens gleichwertigen Hotels günstiger zu haben waren. Übrigens ist Griechenland selbst jetzt, mitten in der tiefsten Wirtschaftskrise seiner Nachkriegsgeschichte, alles andere als ein preiswertes Reiseland. Wer in Athen ein akzeptables Hotel sucht, braucht schon etwas Glück, um ein Zimmer für weniger als 120 Euro pro Nacht zu finden. Die auf Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds mehrfach erhöhte Mehrwertsteuer, die auch alle anderen Waren und Dienstleistungen verteuert hat, macht sich bemerkbar. Die Krise kommt die Griechen teuer zu stehen.

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