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Schuldenkrise : Griechen kaufen Griechen

Jörg Asmussen, Direktoriumsmitglied der EZB Bild: Gyarmaty, Jens

Jörg Asmussen hat eine alte Idee wieder zum Leben erweckt: Griechenland könnte sich vom europäischen Rettungsfonds ESM Geld leihen und damit eigene Anleihen zurückkaufen. Das soll die Schuldenlast des Landes senken.

          Im sich dahinschleppenden griechischen Schuldendrama ist keine Idee so abgegriffen, dass sie nicht wieder auf den Tisch käme. Eine solche Idee ist der Rückkauf griechischer Staatsanleihen durch die Regierung in Athen. Schon im vergangenen Sommer wurde darüber in Europa diskutiert. Letztlich entschieden die Euroregierungen sich bei der Auflage des zweiten Hilfsprogramms für Griechenland dagegen, und es kam zum privaten Schuldenschnitt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Jörg Asmussen, der Deutsche im Direktorium der Europäischen Zentralbank, hat den Vorschlag jetzt am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Tokio wieder ins Gespräch gebracht. Der Charme des Vorschlags liegt darin, dass die Schuldenlast Griechenlands verringert würde - ohne Schuldenschnitt.

          Wie geht das? Griechenland würde sich vom europäischen Rettungsfonds ESM Geld leihen und damit Anleihen zurückkaufen. Weil seine Schuldverschreibungen am Markt derzeit weit unter Nennwert gehandelt werden, würde jeder für den Rückkauf eingesetzte Euro in gewisser Weise „gehebelt“.

          Im Endeffekt sinkt so die Schuldenlast des Landes, ohne dass private oder staatliche Gläubiger formal dem Land Schulden erlassen müssten. Dieses Rechenkalkül setzt freilich voraus, dass die Kurse der griechischen Anleihen nicht in Aussicht auf einen Rückkauf steigen. Damit könnte die Hebelwirkung sich größtenteils in Luft auflösen.

          Der IWF dringt auf einen Schuldenschnitt der öffentlichen Gläubiger, an dem er selbst  nicht teilnehmen würde

          Im Erfolgsfall aber könnte der Vorschlag dabei helfen, den Knoten in den Verhandlungen über die Auszahlung einer weiteren Kredittranche an Griechenland aufzulösen. Mit geschätzten 171 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt der Schuldenstand Griechenlands nach derzeitigem Verhandlungsstand deutlich zu hoch, als dass realistischerweise noch bis 2020 oder ein wenig später eine Quote von 120 Prozent des BIP erreicht werden könnte. Damit wäre die Schuldentragfähigkeit des Landes nicht mehr gesichert, und zumindest dem IWF wäre es verboten, noch mehr Kredittranchen an die Regierung in Athen auszuzahlen.

          Der Währungsfonds dringt deshalb auf einen Schuldenschnitt der öffentlichen Gläubiger, an dem er - auf sein traditionelles, aber nicht festgeschriebenes Vorrecht als bevorzugter Gläubiger pochend - nicht teilnehmen würde. Auch die EZB sträubt sich gegen einen Schuldenschnitt, weil dies einer verbotenen Staatsfinanzierung mit der Notenpresse gleichkäme.

          Blieben die öffentlichen Gläubiger in Gestalt der Steuerzahler in den restlichen Ländern des Euroraums, die hinter dem ESM stehen. Sie würden freilich auch mit Asmussens Vorschlag belastet, weil damit die Altschulden Griechenlands vergemeinschaftet würden - mit der vagen Aussicht, dass das Geld später mal zurückgezahlt würde. Im Kern würde der Steuerzahler den bisherigen Gläubigern dieses Risiko abnehmen.

          Im Haus von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wurde ein Schuldenrückkauf schon im vergangenen Sommer durchgerechnet. Damals hieß es, das könne die Schuldenlast Griechenlands um rund 20 Milliarden Euro senken. Schäuble erklärte nun in Tokio vor Journalisten, der Vorschlag werfe bei ihm einige Fragen auf. Der Phantasie aller Beteiligten sei aber keine Grenze gesetzt. Das hört sich nicht so an, als ob der Vorschlag seines früheren Staatssekretärs große Chancen auf Erfolg hat.

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