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Schuldenkrise : Die Türken zeigen den Griechen, wie’s geht

Doch das zu kopieren wird für Griechenland schwer. „Die Türken haben einen guten Job gemacht. Aber sie hatten es auch leichter als die Griechen heute, denn sie konnten ihre Währung stark abwerten“, sagt Markus Jäger, Volkswirt der Deutsche Bank Research in New York. Die kräftige Abwertung der türkischen Lira half den Exporten, denn sie verbilligte türkische Waren im Ausland. Zugleich kauften die Türken weniger ausländische Produkte, weil die zu teuer wurden. Heimische Anbieter wurden wettbewerbsfähiger. Beides stützte die Wirtschaft und bremste zum Teil den Absturz durch die Sparmaßnahmen der Regierung. Die waren daher politisch leichter zu verwirklichen.

Die Griechen hingegen hängen vom Euro-Wechselkurs ab. Und der verliert gerade minimal an Wert gegenüber anderen Währungen. Sie haben keine Abwertungsoption. Sie können nur ihre Löhne und Preise senken, was politisch deutlich schwieriger durchzusetzen ist. Vor allem mit einer Regierung aus drei Parteien, deren Interessen weit auseinanderklaffen. Die Türkei hatte hingegen den Vorteil, dass die erste Regierung nach der Krise, die AKP mit Ministerpräsident Erdogan, mit absoluter Mehrheit regieren konnte und daher weniger Kompromisse eingehen musste. Sie wurde wiedergewählt, weil sich rasch Erfolge zeigten, und regiert bis heute - eine in der Türkei davor nie dagewesene Stabilität, die der Wirtschaftspolitik zugutekam und von der Griechenland nur träumen kann.

Junge Bevölkerung und großer Binnenmarkt

Die Türkei hatte in und nach der Krise 2001 noch einen weiteren Vorteil gegenüber dem heutigen Griechenland: Die hohe Inflation reduzierte die Schuldenlast rasch. Griechenland hat solche Preissteigerungen nicht. Es hat auch nicht wie die Türkei eine so junge Bevölkerung, die konsumieren will. Und auch nicht einen großen Binnenmarkt mit rund 71 Millionen türkischen Verbrauchern. Es hat auch bereits ein viel höheres Wohlstandsniveau erreicht, das die starken Wachstumsraten von Schwellenländern, wie die Türkei eines ist, gar nicht möglich macht. Immerhin liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Griechenland etwa doppelt so hoch wie in der Türkei.

Das klingt nun alles so, als könnten die Griechen nicht viel gegen die Krise tun: einfach Pech gehabt - mit der falschen Währung, einer ungünstigen Demographie und schon zu viel erreichtem Wohlstand. Doch das ist natürlich zu einfach. Gerade ein Blick auf den für Griechenland so wichtigen Tourismus zeigt, welche vermeidbaren Defizite das Land noch hat. Zwar hat das Land einen Preisnachteil durch die fehlende Abwertungsmöglichkeit der Währung.

„Aber für eine bessere Leistung wäre der Gast auch bereit, mehr zu bezahlen. Doch es hapert vor allem an der Qualität des Angebots“, sagt Roland Conrady, Professor für Touristik an der Fachhochschule Worms. „Griechenland hat wichtige Trends wie Wellness und All-Inclusive zu spät aufgegriffen und besitzt zudem viele kleine Hotels. Es ist zufrieden mit dem Erreichten, es fehlt der Aufbruch. Die Saison ist trotz gleichen Klimas kürzer als in der Türkei. Und die Politik hat keine klare Tourismus-Strategie.“ Ständig wechseln die Tourismusminister und die Vermarktungsslogans. Baugenehmigungen für neue Hotels brauchen ewig.

Die Türkei hingegen hat einen Entwicklungsplan, weist gezielt Tourismusregionen aus und baut Flughäfen, Marinas und Straßen dort aus. Die Hotels sind hochwertiger, größer, und Neubauten werden schneller genehmigt. Die Vermarktung ist professioneller.

Diese Unterschiede zeigen sich auch in der Industrie. Die türkische Wirtschaft erstickt nicht in Bürokratie, die Politik schafft gute Rahmenbedingungen. Die Weltbank ordnet die Türkei in der Wettbewerbsfähigkeit auf Platz 71 ein, Griechenland auf 100. Der Islam als Hauptreligion ist keine Bremse. Staatsgründer Atatürk hat das Land auf westliche Werte verpflichtet, betonen Ethnologen. Staat und Religion sind streng getrennt. Aber der Erfolg hat auch eine Kehrseite: Die Türken praktizieren einen ungezügelteren Kapitalismus als die Griechen, die Sozialstandards sind geringer. Es bleibt eben auch in der Türkei noch einiges zu tun.

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