https://www.faz.net/-gqe-71u3z

Schuldenkrise : Die bösen sieben Prozent Zins

Das Euro-Zeichen vor der EZB in Frankfurt. Bild: REUTERS

EZB-Chef Mario Draghi will die Zinsen der Euro-Staaten drücken. Das ist unnötig und falsch. Sieben Prozent Zins sind kein Todesurteil.

          Vielleicht begann die Eurokrise nicht mit den Finanzierungsschwierigkeiten von Griechenland und nicht mit dem ersten Rettungspaket. Vielleicht begann die Eurokrise erst fünf Monate später richtig, im Oktober 2010, mit einem Satz des damaligen portugiesischen Finanzministers. „Wenn der langfristige Zinssatz für den portugiesischen Staat über sieben Prozent steigt“, sagte der Minister, „dann braucht Portugal wohl internationale Unterstützung.“

          Ein Schuldner, der sich selbst seinen Höchstzins aussucht? Für Privatleute wäre das undenkbar. Für die Euro-Staaten scheint es ganz normal zu sein. Als Portugals Zinsen drei Monate später tatsächlich über sieben Prozent stiegen, drängte die EU das Land unter den Rettungsschirm.

          Auch EZB-Chef Draghi will Zinsen drücken

          Es blieb nicht bei den Regierungschefs und dem Rettungsschirm. Am Donnerstag ist auch EZB-Präsident Mario Draghi auf den Kurs eingeschwenkt. Jetzt gibt er die Anleihezinsen vor. Die aktuellen Zinsen seien „unakzeptabel“, sagte er am Donnerstag. Sie müssten grundsätzlich bekämpft werden. So hat auch er implizit einen Zielwert für die Zinsen von Staatsanleihen vorgegeben.

          Das ist gefährlich. Schließlich macht erst eine derartige Schranke Staaten mit hohen Zinsen zu Krisenstaaten: vor der Öffentlichkeit, vor den Kreditgebern, und - schlimmer noch - vor sich selbst. Wer jetzt einen Zinssatz von sieben Prozent hat, hält sich für hilflos und den Märkten ausgeliefert.

          Sieben Prozent Zinsen sind gar nicht so dramatisch

          Dabei sind sieben Prozent gar nicht so dramatisch, wie es immer klingt. Zwar gilt dieser Zinssatz auch unter manchen Ökonomen als langfristig ungünstig, doch dafür gibt es nur einen Grund: Bei diesem Zinssatz wachsen die Schulden schneller als die Wirtschaftsleistung, wenn der Staat nichts tut. Die Schulden bleiben also nicht von selbst im Rahmen, sondern die Regierung muss Geld zurückzahlen. Trotzdem stehen Staaten noch längst nicht am Abgrund, wenn sie für neue Schulden einige Jahre lang höhere Zinsen zahlen müssen.

          Das liegt schon allein daran, dass der Zins nicht sofort für die ganzen Schulden gilt, sondern nur für die neu aufgenommenen Kredite. Das bedeutet: Die Zinslast der Staaten steigt nur langsam. Spanien zum Beispiel bekommt Kredithilfe ohne starke Auflagen - dabei lag die Zinslast der spanischen Staatsregierung im vergangenen Jahr noch weit unter der bei der Euro-Einführung, gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes. In dieser Rechnung zahlte Italiens Regierung im vergangenen Jahr sogar weniger Zinsen als im Jahr 2008. Wenn jetzt die Zinslast allmählich wächst, ist das kein Todesurteil für diese Staaten.

          Die Staaten haben schon höhere Zinsen getragen

          Zumal die Staaten schon früher bewiesen haben, dass sie mit hohen Zinsen leben konnten. Vor der Einführung des Euro zahlten sie teils noch viel mehr. Daran ändert auch nichts, dass die Staaten ihre Währung immer wieder abwerteten und - damit zusammenhängend - hohe Inflationsraten hatten. So blieb für Italien Mitte der neunziger Jahre selbst nach Inflation ein Zinssatz von rund acht Prozent übrig.

          Sieben Prozent Zinsen sind also nur dann eine Krise, wenn sie dazu definiert werden. Heute ist das so - und es bleibt nicht dabei. Zwar fing es mit sieben Prozent an. Doch kurze Zeit später galt ein Land schon als gefährdet, wenn es für neue Kredite mehr als sechs Prozent zahlen musste. Schließlich waren die sieben dann nicht mehr weit weg. Als Spanien seine EU-Hilfe offiziell beantragte, lagen seine Zinsen nur knapp über sechs Prozent. Inzwischen beginnt in der Diskussion die gefährliche Zone schon knapp unter den fatalen sechs Prozent, nämlich bei fünf Prozent. Bald könnten schon vier Prozent Zins als gefährlich gelten. Dabei ist das ein Zins, wie ihn die Bundesrepublik noch vor vier Jahren selbst hatte.

          Schlagartig werden in Europas Schuldenkrise Zinssätze als gefährlich wahrgenommen, die vor einigen Jahren noch vollkommen normal waren. Das ist ein typisches Blasenphänomen: Die Menschen gehen davon aus, dass ein paradiesischer Zustand ewig anhält. „Dieses Mal ist alles anders“, sagen sie häufig, wie die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrer Untersuchung der Finanzkrisen-Geschichte betont haben. Plötzlich hält jeder das höhere Zinsniveau für ungerechtfertigt, selbst Forscher des Internationalen Währungsfonds haben das in der vergangenen Woche so gesagt.

          Dabei kehren die Zinsen in Europa letztlich nur auf ihr normales Maß zurück, die Blase in den Staatsanleihen platzt. Wer das in Kauf nimmt, ist kein Feind Europas. Die Wahrheit ist: Staatsbankrotte sind nicht ausgeschlossen, und einige Staaten bringen den Kreditgebern ein höheres Risiko als andere - wenn Investoren sich daran erinnern, ist das nicht böse, sondern gut.

          Die Regierungen stemmen sich schon seit Jahren dagegen, dass sie höhere Zinsen zahlen müssen. Das ist die eine Sache. Doch die Europäische Zentralbank sollte nicht dagegen ankämpfen, dass sich die Zinsen wieder normalisieren. Schon gar nicht, indem sie mit frischem Geld Staatsanleihen vom Markt kauft.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Klimaaktivistin : Das Team hinter Greta

          Vor einem Jahr hat die schwedische Teenagerin Greta Thunberg ihre Schulstreiks begonnen. Heute ist sie weltberühmt und segelt über den Atlantik. Wir zeigen die Leute hinter ihr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.