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Analyse : Schwellenländer auf der Kippe

Begehrte Arbeitsplätze in Indien: Millionen Jugendliche suchen eine Ausbildung oder einen Job Bild: Reuters

In China und anderen Schwellenländern treten zunehmend strukturelle Schwächen zutage. Das macht auch der Exportnation Deutschland zu schaffen.

          Die fetten Bric-Jahre sind erst einmal vorbei. China, Indien, Russland und Brasilien hatte (in umgekehrter Reihenfolge) der Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill vor fünfzehn Jahren als „BRIC“ zusammengefasst. Nach der Jahrtausendwende begann der rasante Aufschwung. China wuchs so schnell, dass es Europa überrundet hat und kaufkraftbereinigt bald die Vereinigten Staaten übertrumpfen könnte. Die Schwellenländer erbringen mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung.

          Aber nun ist der Boom jäh abgebrochen. Chinas Wachstum wird in diesem Jahr wohl deutlich unter sieben Prozent liegen (wenn man den offiziellen Statistiken glauben mag). Im Durchschnitt der Schwellenländer erwartet der IWF nur noch gut vier Prozent Wachstum in diesem Jahr. Brasilien steckt sogar in einer Rezession, weil der Rohstoffexport nur noch wenig einbringt und das Land seine Wirtschaft zu wenig diversifiziert hat. In Russland kommen zum Öl- und Gaspreisverfall die Sanktionen und die politische Isolierung hinzu.

          Besonders das verlangsamte Wachstum in China schmerzt die deutsche Industrie. Das Riesenreich ist der viertgrößte Absatzmarkt für die hiesigen Exporteure. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich der China-Anteil am Gesamtexport auf fast sieben Prozent verdreifacht. Deutsche Autos, Maschinen und Chemie verkauften sich wie warme Semmeln im Reich der Mitte. Im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende erzielten die Exporteure in den Schwellenländern durchschnittlich zehn Prozent Wachstum im Jahr, nun hat es sich halbiert.

          Chinas Demographie bremst das Land aus

          Den Wachstumslokomotiven geht der Dampf aus. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, es treten aber zunehmend strukturelle Schwächen zutage. Einige Schwellenländer haben sich zu sehr darauf verlassen, dass Rohstoffeinnahmen die Kassen füllen. Doch die Preise sind stark gesunken. Die Ölgewinne sprudeln nicht mehr, der Verkauf von Metallen oder Agrarrohstoffen bringt weniger ein. Hauptgrund für den Ölpreisverfall dürfte der nachlassende Rohstoffhunger Chinas sein; das Ölangebot übersteigt die Nachfrage.

          Viele Jahre hat die Regierung in Peking auf Konjunktureinbrüche mit forcierten Investitions- und Bauprogrammen reagiert. Nun gibt es Überkapazitäten sowohl auf dem Wohnungsmarkt als auch in den Schwerindustrien. Zudem hat die lockere amerikanische Geldpolitik viel Kapital in die Schwellenländer gelenkt. Das Kreditwachstum war hoch, die Verschuldungsquoten von Unternehmen und Privatleuten sind markant gestiegen. Wenn die amerikanische Geldpolitik im Spätherbst wirklich die Zügel strafft, könnte das einige Schwellenländer empfindlich treffen, wenn es zu einem plötzlichen Kapitalabzug kommt. China hat allerdings gewaltige Devisenreserven, die es dagegen mobilisieren kann.

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          Dennoch zeigen sich in der glitzernden Fassade des Riesenreichs Risse, nicht erst seit der geplatzten Börsenblase. Faule Kredite der Staatsbetriebe werden in den Bilanzen der staatlichen Banken versteckt – doch wie lange geht das gut? Noch immer hat das Land großes Potential, doch dem stehen einige negative Faktoren gegenüber. Neben Überkapazitäten, Fehlinvestitionen und Verschuldung bremst vor allem die Demographie. China vergreist in hohem Tempo.

          Die bisherigen hohen Wachstumsraten waren zum Großteil dem Strukturwandel von der Landwirtschaft zur Industrie zu verdanken. Unterbeschäftigte Bauern wurden in Fabriken gesteckt, so stieg die Produktivität sprunghaft. Dieser Strukturwandel hat aber seine Grenzen erreicht. Auch die technologische Aufholjagd durch Übernahme westlicher Technik geht nicht mehr so leicht.

          Indiens Jugend fehlt es an Ausbildung und Arbeitsplätzen

          Ob Chinas Parteiführung wirklich die Kraft zu einer tiefgreifenden Liberalisierung der stark regulierten Branchen, vor allem des Finanzsektors, aufbringt, wird sich zeigen. Fraglich ist, ob der Umbau der Volkswirtschaft – weg von der Abhängigkeit von Exporten und Investitionen, hin zum Binnenmarkt und zu Dienstleistungen – wirklich in planwirtschaftlicher Weise funktioniert. Bei allen Planungskünsten Pekings bleibt es doch eine widersprüchliche kapitalistisch-kommunistische Architektur.

          Auch andere große Schwellenländer leiden an inneren Widersprüchen und Spannungen. Sie haben die notwendige Modernisierung verschlafen. Indien bleibt unterhalb seines Potentials, weil die träge, korrupte Verwaltung Investoren abschreckt, auch wenn die Regierung Modi das Reformtempo zu erhöhen versucht. Demographisch ist das Land jünger als China, doch fehlt es Millionen Jugendlichen an guter Ausbildung und Arbeitsplätzen. Brasilien hat die Modernisierung von Infrastruktur und Bildungssystem verschleppt, das rächt sich nun.

          Insgesamt kann die Welt nicht mehr darauf bauen, dass der Aufschwung der Schwellenländer ein Selbstläufer ist. Einerseits ist ein flacherer Wachstumspfad normal, wenn sie ein höheres Wohlstandsniveau erklommen haben. Andererseits bremsen sie selbstverschuldete Hemmnisse. Für Europa, das sich nur mühsam aus der Krise quält und nach neuen Absatzmärkten sucht, ist es eine schlechte Nachricht, dass der Zug der Schwellenländer künftig mit gedrosseltem Tempo fährt.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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