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Konjunktur : Sachverständigenrat schätzt Wachstum auf nur noch 3,1 Prozent

  • -Aktualisiert am

Die Industrie stützt die deutsche Wirtschaft in der zweiten Welle der Pandemie. Bild: dpa

Für dieses Jahr erwarten die Wirtschaftsweisen wegen der anhaltenden Beschränkungen nur noch ein Wachstum um 3,1 Prozent. Die mögliche dritte Infektionswelle birgt zudem die Gefahr, dass sich die Erholung weiter verzögert.

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          Weil die Wirtschaft durch Corona weiter eingeschränkt bleibt, hat der Sachverständigenrat (SVR) seine Konjunkturprognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr auf 3,1 Prozent nach unten korrigiert. In ihrer im November vorgelegten Prognose, waren die so genannten „Wirtschaftsweisen“ noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 3,7 Prozent ausgegangen. Die Bundesregierung erwartet gegenwärtig ein Wachstum um 3 Prozent im Jahr 2021.

          Die deutsche Wirtschaft zeige sich insgesamt robust, schreibt der Rat, der nur noch vierköpfig ist, seit die SPD eine Verlängerung der Amtszeit des bisherigen Ratsvorsitzenden Lars Feld verhindert hat. Die aktuellen Mitglieder sind Veronika Grimm, Monika Schnitzer, Achim Truger und Volker Wieland. Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung wie im Frühjahr 2020 sei daher nicht zu erwarten. Zwar sei die Lage in den personennahen Dienstleistungen wie dem Gastgewerbe und dem Einzelhandel weiterhin „sehr angespannt“ sei, doch vor allem die Industrieproduktion wirke stützend.

          Anders als während der ersten Welle sei es nicht zu umfangreichen Grenzschließungen gekommen, weshalb die Lieferketten bisher weiterhin intakt seien. Begünstigt wird die Erholung der Industrie von der Nachfrage aus China und Amerika, wo die Wirtschaft weiter kräftig wächst. Außerdem hätten sich Haushalte und Unternehmen in der zweiten Welle voraussichtlich besser an die pandemiebedingten Einschränkungen angepasst. Dennoch werden die Einschränkungen nach Einschätzung der Ökonomen im ersten Quartal mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund 2 Prozent zu Buche schlagen.

          Dritte Infektionswelle “größtes Risiko“ für deutsche Konjunktur

          Der Ausblick für die kommenden Monate fällt positiver aus: „Sobald es gelingt, das Infektionsgeschehen effektiv zu begrenzen und größere Anteile der Bevölkerung zu impfen, dürften sich die von den Kontaktbeschränkungen oder Schließungen stark betroffenen Dienstleistungsbereiche wie das Gastgewerbe oder der stationäre Einzelhandel wieder beleben. Dies dürfte zu einem kräftigeren Wachstum beitragen“, sagt Ratsmitglied Achim Truger. Bis die Wirtschaftsleistung wieder ihr Vorkrisenniveau erreicht, werde gleichwohl noch bis zum Jahreswechsel dauern. Begünstigt durch die Normalisierung des privaten Konsums und eine anhaltend kräftige Auslandsnachfrage rechnet der SVR für 2022 mit einem Anstieg des BIP um 4 Prozent.

          Mit Sorge blicken die Wirtschaftsweisen auf eine mögliche dritte Infektionswelle. Sie stelle das „größte Risiko für die Konjunktur in Deutschland“ dar, sagte der Wirtschaftsweise Volker Wieland. „Und zwar dann, wenn sie zu Einschränkungen oder gar Betriebsschließungen in der Industrie führen würde.“ Neben einer möglichen Verzögerung des Aufholprozesses bestehe aber auch die Chance, dass die wirtschaftliche Entwicklung besser ausfalle, etwa wenn es gelingt, die Bevölkerung schneller zu impfen als erwartet oder Fortschritte in der medikamentösen Behandlung von COVID-19 erzielt würden.

          Auch eine schnellere Verfolgung von Infektionsketten durch den Einsatz digitaler Technologien und neue Teststrategien oder gezieltere Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Gruppen hätten laut SVR das Potential, die Erholungsdynamik zu beschleunigen. Ratsmitglied Veronika Grimm mahnt, das Tempo der Impfungen zu beschleunigen: „Damit Deutschland das EU-Ziel, 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu impfen, bis Ende September 2021 erreicht, muss die aktuelle Anzahl der täglichen Impfungen in den Impfzentren um 50 Prozent gesteigert werden“, sagte sie. Dafür sollten auch Haus- und Fachärzte in den Impfprozess einbezogen werden.

          Die drohende dritte Welle sehen die Ökonomen auch als große Gefahr für die Erholung im Euroraum. Aufgrund der ohnehin schon erhöhten Infektionszahlen senken sie ihre Prognose für das Währungsgebiet auf Plus 4,1 Prozent in diesem Jahr und Plus 4,2 Prozent im Jahr 2022. Die im Dezember von der Europäischen Zentralbank beschlossene Verlängerung und Ausweitung ihrer expansiven geldpolitischen Maßnahmen dürfte die wirtschaftliche Entwicklung bis Ende 2022 stützen.

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