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S&P-Analyst Moritz Krämer : „Wir haben nur Risiken benannt“

  • Aktualisiert am

Moritz Kraemer Bild: dpa

Der S&P-Chefanalyst für Europa, Moritz Krämer, verteidigt im F.A.Z.-Interview das Vorgehen der Ratingagentur und sieht sich lediglich als Überbringer einer schlechten Nachricht.

          Herr Krämer, die Ankündigung der Ratingwarnungen kurz vor dem EU-Gipfel wirkt wie eine politische Nachricht. Ist das Aufgabe einer Ratingagentur?

          Die Aufgabe einer Ratingagentur ist es, Kreditrisiken zu analysieren und zu benennen. Nichts anderes haben wir getan. Nach unserer Meinung läuft die Zeit für eine Lösung der Schuldenkrise davon. Falls es nicht gelingen sollte, beim Krisengipfel in Brüssel neues Vertrauen zu schaffen, sehen wir erhebliche Risiken, die in einer Verschärfung der Finanzkrise und eine realwirtschaftliche Rezession im nächsten Jahr münden könnte.

          Warum lancieren Sie dies vorab über eine britische Finanzzeitung?

          Die FT-Story kommentieren wir nicht. Wir weisen lediglich darauf hin, dass wir aufgrund der EU-Regulierung die Emittenten - in diesem Fall die einzelnen Länderregierungen - 12 Stunden vor einer Ratingmaßnahme informieren müssen. Diese Vorabinformation unterliegt strengster Geheimhaltung.

          S&P rät den Euroländern, ihre Schulden zu vergemeinschaften, in Richtung Fiskalunion zu gehen und zu größeren Eingriffen der Zentralbank. Ist das nicht ein bisschen viel Politikberatung?

          Nein, wir geben keine Politikempfehlung und haben dies auch nie getan. Es geht um die Notwendigkeit, ein Gesamtpaket zu schnüren, das dazu angetan ist, das abbröckelnde Vertrauen der Finanzmarktakteure wiederzugewinnen. Welche Form dieses Maßnahmenpaket letztendlich annimmt, ist die Entscheidung der demokratisch legitimierten Regierungen Europas sowie der unabhängigen Zentralbank, nicht von Standard&Poor’s.

          15 Euroländer schert S&P mit über einen Kamm. Machen Sie keine Unterschiede mehr zwischen soliden und weniger soliden Staatshaushalten?

          Selbstverständlich. Die Bonitätsbewertungen innerhalb der Eurozone sind extrem weit gestreut und reichen von CC für Griechenland bis zu AAA für Deutschland. Wir haben auch signalisiert, dass bei einem Scheitern des Gipfels und einer Verschärfung der Krise die Ratings der Eurostaaten unterschiedlich stark betroffen wären. So könnte Deutschland maximal um eine Stufe abrutschen, Italien und Spanien, zum Beispiel, aber um zwei. Dies ist das Gegenteil von „über einen Kamm scheren“. Gleichzeitig gibt es aber auch Krisenfaktoren, die in einem so engen Verbund wie der EU alle Mitgliedstaaten gleichermaßen betrifft. Bei manifesten Schwierigkeiten zügig überzeugende Krisenlösungen vorzulegen, ist einer davon. Vernetzung der Finanzsektoren und Rezessionsgefahr zwei weitere.

          Sie warnen vor einer Rezession im Euroraum. Wie stark könnte sie ausfallen?

          Derzeit rechnen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent damit, dass es 2012 zur Rezession in der Eurozone kommen wird. Derzeit gehen wir von einer relativ milden Rezession aus. Kommt es bei der Krisenbekämpfung nicht zum Durchbruch, könnten sich Wahrscheinlichkeit wie auch Schwere der Rezession erhöhen, denn somit würden Investoren- und Konsumentenvertrauen weiter belastet.

          Drohen den Banken weitere Herabstufungen, wenn ihre Heimatländer eine schlechtere Bonität erhalten sollten?

          Die Bewertungskriterien von Staaten und Banken sind eng miteinander verzahnt. Faktoren, die die Kreditwürdigkeit des Staates beeinflussen, haben Einwirkungen auf die Bonität von Banken. Der Grad der Robustheit des nationalen Bankensystems hat seinerseits wiederum Auswirkungen auf die finanzielle Gesundheit des Staates. Insofern ist bei einer eventuellen Herabstufung von Ratings der Staaten in der Eurozone auch von Folgen für ausgewählte Bankenratings auszugehen.

          Müssen Sie angesichts des Ärgers nun mit schärferer Regulierung rechnen?

          Wir gehen nicht davon aus, dass die Lösung der Probleme in einer schärferen Regulierung liegt oder dass es etwas nützt, den Überbringer einer schlechten Nachricht zu bestrafen.

          Wichtiges über Ratingagenturen

          • Wer ist Standard & Poor’s?

          Standard & Poor’s - oder kurz S&P - ist ein amerikanisches Unternehmen, das nicht nur Kreditbewertungen (Ratings) erstellt. S&P ist daneben der führende Betreiber von Finanzmarktindizes in der Welt. Außerdem verbreitet es Finanzmarktdaten und Research. Mit diesen Geschäften erreicht S & P, das zum amerikanischen Medienkonzern McGraw Hill gehört, einen Jahresumsatz von rund 3 Milliarden Dollar.

          • Wie arbeitet eine Agentur?

          Eine Ratingagentur beurteilt die kurz- und langfristige Kreditwürdigkeit von Schuldnern (Unternehmen und Staaten). Anhand einer Bewertungsskala teilt sie ihre Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls mit. Ratingagenturen werden von den Schuldnern bezahlt, nicht von Anlegern, die Wertpapiere der Schuldner kaufen wollen. Die Idee der Ratingagentur stammt aus dem 19. Jahrhundert, als im Zuge der industriellen Revolution viele neue Schuldner an den Kapitalmarkt traten, deren Bonität für Außenstehende nicht zu beurteilen war. Da die Kapitalmärkte nirgends so schnell wuchsen wie in den Vereinigten Staaten, ist es nicht erstaunlich, dass die führenden Häuser in Amerika beheimatet sind. Indem die Agenturen für mehr Transparenz im Markt sorgen, üben sie grundsätzlich eine auch gesamtwirtschaftlich sinnvolle Funktion aus. Erfahrungen mit fragwürdigen Bewertungen in der Finanzkrise und das Oligopol weniger großer Häuser haben Kritik an den Agenturen entstehen lassen.

          • Wie sieht der Markt aus?

          Es gibt in der Welt eine zweistellige Zahl von Ratingagenturen, von denen die meisten aber nur nationale oder regionale Bedeutung besitzen. In Deutschland bietet unter anderem das Unternehmen Creditreform Ratings an. Der Markt für Ratings von Staaten wird von den drei amerikanischen Unternehmen S&P, Moody’s und Fitch zu rund 95 Prozent beherrscht, wobei Fitch noch einmal deutlich kleiner ist als die Rivalen S&P und Moody’s, die jeweils auf Anteile von rund 40 Prozent kommen. Moody’s ist an der Börse notiert; Fitch wird von dem französischen Unternehmen Marc Ladreit de Lacharrière kontrolliert. Auch wegen staatlicher Regulierungen ist es für kleine Agenturen nicht leicht, in den Wettbewerb mit den führenden Häusern einzutreten.

          • Wie sieht die Notenskala von S&P für langfristige Schulden aus?

          Die Spitzen-Note „AAA“ steht für Schuldner höchster Qualität. „AA“ beschreibt gute Schuldner mit etwas höherem Risiko. Bei Schuldnern mit der Note „A“ muss bei der Beurteilung die wirtschaftliche Gesamtlage mit dem internationalen Umfeld besonders beachtet werden. „BBB“ steht für Schuldner durchschnittlicher Qualität. Alle Schuldner mit Noten von „AAA“ bis „BBB“ werden als geeignet für relativ risikoarme Kapitalanlagen betrachtet (“Investment Grade“). Es gibt Großanleger, die nur in solche Papiere investieren dürfen. Das weite Feld der riskanteren Schuldner (“Non Investment Grade“) beginnt bei „BB“ und endet bei „D“, das für „Default“ steht und einen Zahlungsausfall kennzeichnet.

          • Welche Folgen besäße eine Herabstufung der langfristigen Bonität Deutschlands um eine Note von „AAA“ auf „AA+“?

          Außer einem Prestigeverlust vermutlich nicht viel, da es kaum Großanleger geben dürfte, deren Vorschriften ihnen ausschließlich Käufe von Anleihen mit „AAA“-Rating erlauben. Auch die Vereinigten Staaten werden mit „AA+“, Japan gar nur mit „AA-“ (wie Spanien) bewertet, ohne dass dies die Finanzierungskosten in diesen Ländern erhöht hätte. Die Teilnehmer an den Kapitalmärkten achten nach wie vor auf Ratings, orientieren sich aber nicht alleine an ihnen. Gerade für die Einschätzung großer Staaten gilt, dass eine Ratingagentur kaum über mehr wichtige Informationen verfügt als ein großer Investor mit einer eigenen Researchabteilung. Bei der Bewertung von Unternehmen haben Ratingagenturen wegen der Vielzahl von Unternehmen eher Informationsvorsprünge.

          • Welche Länder hätten nach einer Herabstufung des Euroraums noch ein „AAA“-Rating?

          Australien, Kanada, Dänemark, Großbritannien, Hongkong, Liechtenstein, Norwegen, Singapur, Schweden und die Schweiz. Die meisten Länder besitzen keinen großen und sehr liquiden Markt für eigene Staatsanleihen.

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