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Konjunktur : Das Gespenst des „Double Dip“ geht um

Bild: F.A.Z.

Einige Analysten befürchten einen „Double Dip“ - ein nochmaliges Abtauchen in eine Rezession. Das ist zwar nicht allzu wahrscheinlich, sagen die meisten Ökonomen. Aber es gibt erhebliche Risiken für die Erholung, vor allem die hohe Staatsverschuldung.

          Seit einigen Tagen geistert das Wort vom „Double Dip“ an den Märkten herum. Gemeint ist ein möglicher Rückfall in eine Rezession, obwohl die Konjunkturdaten derzeit noch eine ganz andere Richtung anzeigen: eine recht robuste wirtschaftliche Erholung in den meisten Staaten Europas, Aufschwung in Amerika und sogar sehr starkes Wachstum in den Schwellenländern, vor allem in China. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Reich der Mitte wächst mit einer Rate von etwa 10 Prozent. Nach den optimistischen Szenarien zieht der Aufschwung Asiens die Weltkonjunktur mit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält für 2010 und 2011 mehr als 4 Prozent Wachstum der Weltwirtschaft für realistisch. Die Weltbank prognostiziert immerhin 3,3 Prozent Wachstum.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Seit der Zuspitzung der Staatsschuldenkrise steigt aber die Nervosität. Das Bild der globalen Erholung bekommt Kratzer. Ben Bernanke, der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, hat Mitte der Woche die Sorgen zerstreuen wollen. Ein „Double Dip“ könne zwar nie ganz ausgeschlossen werden, doch derzeit wachse die Wirtschaft der Vereinigten Staaten - allerdings „nicht so rasch, wie wir es uns wünschen“. Wegen der Schuldenkrise sei womöglich ein weiteres Eingreifen der Zentralbanken notwendig, fügte er hinzu. Deutlich kritischer hatte sich zuvor der stellvertretende IWF-Direktor Naoyuki Shinohara geäußert. Nach seinen Worten haben die Gefahren für die Weltwirtschaft „erheblich zugenommen“. Die Erholung in den Industrieländern sei schleppend. Asien wachse zwar sehr stark, das bringe aber auch Risiken, warnte Shinohara. Chinas Konjunktur könne überhitzen, wenn die Notenbanken keine „angemessenen“ Schritte einleiteten.

          Immobilienblase in China

          „Es gibt ein gewisses Risiko für einen Double Dip weltweit“, meint Joachim Scheide, der Chef der Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Die Wahrscheinlichkeit dafür schätzt er auf „etwa 10 Prozent“. Mit Sorge blickt er nach China: „Dort baut sich offenbar eine Immobilienpreisblase auf, in einigen Regionen haben sich die Preise glatt verdoppelt.“ Diese Blase könnte irgendwann platzen. „Das größte Risiko sehe ich aber in jenen Industrieländern, wo die Staatshaushalte inzwischen mit mehr als 100 Prozent des BIP verschuldet sind.“ Angesichts der äußerst hohen Defizite könnten die Anleger misstrauisch werden. Die Zinsen könnten dann rasch steigen und die Konjunktur abwürgen. „Dann hätten wir eine neue Krisenwelle, ausgelöst durch die Staatsfinanzen“, warnt Scheide. „Wann und ob es dazu kommt, weiß niemand, es kann dieses oder nächstes Jahr sein oder erst in fünf Jahren.“

          Der amerikanische Finanzminister Geithner riet beim G-20-Treffen in Busan von einem zu raschen Ausstieg aus der Konjunkturstützung ab

          Andere Ökonomen sind zumindest für die nahe Zukunft optimistischer. „Natürlich gibt es immer ein Risiko eines Double Dip, aber das halte ich für gering“, sagt etwa Ray Barrell vom National Institute of Economic and Social Research (NIESR) in London. Die britische Handelskammer BCC, die vergangene Woche über einen möglichen Rückfall in eine Rezession spekulierte, nennt Barrell eine „für die politische Debatte marginale Einrichtung“. Etwas Sorgen bereitet Barrell, dass die notwendige Konsolidierung durch Sparpakete und Steuererhöhungen die Konjunktur zu stark belasten könne. Daher rechnet Barrell mit weniger als 1 Prozent BIP-Zuwachs in diesem Jahr.

          „Ein Sparpaket nach dem anderen führt in eine Rezession“

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