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Rentenmarkt : EZB-Käufe drücken die Anleiherenditen nach unten

Bild: F.A.Z.

Die Europäische Zentralbank kauft weiterhin Staatsanleihen. Derzeit erwirbt sie vor allem irische und portugiesische Schuldtitel. Die Analysten bezweifeln deren Nachhaltigkeit.

          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Freitag an den Anleihemärkten für eine Entspannung in der europäischen Schuldenkrise gesorgt. Nach Angaben aus dem Handel trat die Notenbank verstärkt als Käufer portugiesischer und irischer Staatsanleihen auf. Entsprechend verringerten sich deren Anleiherenditen. Dies bestätigte auch EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny. Die EZB habe ihr Programm zum Ankauf von Staatsanleihen forciert, sagte der Chef der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) am Freitag in Wien.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die zehnjährige Staatsanleihe Irlands rentierte zeitweise unterhalb von 8 Prozent, nachdem es Mitte der Woche noch mehr als 9 Prozent waren. Portugals Rendite sank auf 5,7 Prozent. Am Mittwoch lag die zehnjährige Anleihe noch auf 6,6 Prozent. Auch die Anleihen aus Spanien, Italien und Belgien verzeichneten Kursaufschläge und damit spürbare Renditerückgänge. Die Rendite der zehnjährigen spanischen Anleihe fiel im Handelsverlauf unter die Marke von 5 Prozent. Im Gegenzug stieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf 2,87 Prozent. Das ist der höchste Stand seit dem 18. Mai.

          Ausweitung der Ankäufe nach europäischer Schuldenkrise

          Die EZB kauft seit Mai Staatsanleihen finanzschwacher Euro-Staaten. Bislang hat sie dafür 67 Milliarden Euro eingesetzt. Vor allem in den ersten Wochen nach Auflegung war die EZB besonders stark am Anleihemarkt tätig. Danach ebbten die Käufe spürbar ab. Doch mit der Zuspitzung der europäischen Schuldenkrise und dem Rettungspaket für Irland kam es wieder zu einer Ausweitung der Ankäufe.

          In der Woche bis einschließlich 26. November hatte die EZB Anleihen im Volumen von 1,35 Milliarden Euro gekauft. Dies entsprach fast einer Verdopplung gegenüber dem Niveau in der vorangegangenen Woche. Allein an diesem Donnerstag soll die EZB Gerüchten aus dem Handel zufolge mehr als 400 Millionen Euro aufgewendet haben. Das genaue Ankaufvolumen in der zu Ende gegangenen Woche wird die EZB erst am Montag ausweisen. Der Markt geht von mehr als 2 Milliarden Euro aus.

          Wie lange kann die EZB den Schwung aufrechterhalten?

          Nach Ansicht von UBS-Analyst Beat Siegenthaler dürfte der Stimmungswechsel für Anleihen der Euro-Peripherie durch umfangreiche Käufe der EZB ausgelöst worden sein. Er stellt sich nun die Frage, wie lange die EZB den Schwung aufrechterhalten kann. Die Analysten der französischen Großbank Société Générale halten die EZB-Käufe in den nun ausgedünnten Märkten kurz vor dem Jahresende für sehr wirksam, um die Renditen der Euro-Sorgenkinder Portugal, Irland und Spanien zu drücken.

          Die Investoren seien davon überzeugt, dass die EZB ihre Käufe kurzfristig fortsetzen werde, sagte Vincent Chaigneau, Zinsstratege der Société Générale, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Niemand sei bereit, dagegen anzukämpfen, fügte er hinzu. Eine Ausweitung der europäischen Schuldenkrise könnten kurzfristig nur weitere Anleihekäufe der EZB verhindern, erwarten die Kreditanalysten der Unicredit.

          „Die Krise ist nicht zurück, denn sie war nie weg“

          Sollte es aber trotzdem zu einer Eskalation kommen, dürften die Europäische Union, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EZB den Druck auf Portugal und Spanien erhöhen, zusätzliche Maßnahmen anzukündigen, um den Staatshaushalt zu sanieren, das Wachstumspotenzial zu heben und die Solidität des Bankensystems wieder herzustellen, schreiben die Unicredit-Analysten in ihrem Wochenkommentar. Dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag darauf verzichtet hatte, ein groß anlegtes Ankaufprogramm für Euro-Staatsanleihen anzukündigen, führen sie unter anderem auf die dann höhere Anfälligkeit der EZB-Bilanz zurück. Dies wäre nach Einschätzung der Unicredit-Analysten aus Risikomanagementgesichtspunkten negativ zu beurteilen.

          Die Analysten der DZ Bank warnen davor, aus den jüngsten Renditerückgängen für finanzschwache Euro-Länder bereits einen nachhaltigen Trend abzuleiten. Die Gefahr sei groß, dass sich die europäischen Länder und Institutionen in den nächsten Monaten den Ball der Verantwortung hin und her schieben, und es nicht zu einer Beruhigung der Marktlage komme. „Die negativen Krisenspiralen gewinnen wieder an Dynamik. Die Krise ist nicht zurück, denn sie war nie weg“, schreiben die DZ-Bank-Analysten.

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