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Ratingagentur droht Deutschland : Juncker: „Maßlos überzogen“

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Die Ratingagentur Standard & Poor’s droht fünfzehn Staaten der Eurozone Herabstufungen der Kreditwürdigkeit an. Bild: dapd

Die Ratingagentur Standard & Poor’s droht Deutschland und vierzehn Euro-Staaten eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit an. Berlin und Paris reagieren gelassen darauf. Eurogruppen-Chef Juncker indes findet deutliche Worte.

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          Standard & Poor’s stellt den Großteil der Eurozone unter verschärfte Beobachtung. Die Ratingagentur kündigte am Montag eine Überprüfung der Kreditwürdigkeit von Deutschland und Frankreich sowie weiterer dreizehn Staaten der Währungsunion an. Als Grund nannte die Agentur am Abend nach Börsenschluss in New York die Verschärfung der Krise der europäischen Gemeinschaftswährung. Im Falle einer Neubewertung könnte den betroffenen Ländern damit eine Herabstufung drohen. Am Dienstagnachmittag drohte die Ratingagentur auch dem Euro-Rettungsfonds EFSF mit einer Herabstufung.

          Berlin und Paris reagierten gelassen auf die Ankündigung. Man nehme die Ankündigung zur Kenntnis, erklärten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Die von beiden Regierungen gemachten Vorschläge zur Reform der Währungsunion würden die haushalts- und wirtschaftspolitische Koordinierung der Eurozone stärken und so Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern.

          Deutschland und Frankreich seien entschlossen, gemeinsam mit ihren europäischen Partnern und den europäischen Institutionen alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die Stabilität der Eurozone zu gewährleisten, hieß es in einer gemeinsamen Stellungnahme. „Was eine Ratingagentur macht, das ist in der Verantwortung der Ratingagentur“, sagte Frau Merkel in einer Pressekonferenz mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai am Dienstag in Berlin.

          Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker kritisierte die drohende Herabstufung der Bonität der Euro-Länder durch die Ratingagentur scharf. Die Einschätzung der Agentur sei maßlos überzogen und ungerecht, sagte Junker am Dienstag im Deutschlandfunk. Die Drohung durch die Ratingagentur sei ein K.o.-Schlag für alle Staaten, die sich bemühen, ihre Haushaltsdefizite zu senken, sagte er. Vor allem der Zeitpunkt der Drohung kurz vor einem entscheidenden EU-Gipfel zur Schuldenkrise sein „erstaunlich“. Die Euro-Zone sei „dabei, die Dinge in Ordnung zu bringen.“ Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen.

          Standard & Poor’s : Begründung im Wortlaut

          Die asiatischen Börsen reagierten am Dienstag nervös auf die Zweifel von Standard & Poor“s an der Kreditwürdigkeit der Eurozone. Der japanische Leitindex Nikkei verlor ein Prozent auf 8.608,10 Punkte. Der Euro reagierte am Dienstag mit Verlusten unter die Marke von 1,34 US-Dollar auf die drohende Herabstufung reagiert. Der nach Einschätzung von Experten „beispiellose Rundumschlag“ habe die Gemeinschaftswährung im frühen Handel auf 1,3375 Dollar gedrückt, hieß es von Händlern. Ein Dollar kostete damit 0,7481 Euro. Am Vortag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs noch auf 1,3442 (Freitag: 1,3511) Dollar festgesetzt.

          Dass auch die bisher mit der Bestnote „AAA“ bewerteten Länder wie Deutschland und Luxemburg eine Herabstufung fürchten müssen, setzt die europäischen Regierungen in der Schuldenkrise zusätzlich unter Druck. Die systemischen Belastungen der Euro-Staaten hätten in den vergangenen Wochen ein Ausmaß erreicht, das erheblichen Druck auf die Bonität der Eurozone als Ganze ausübe, erklärte Standard & Poor’s.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy „nehmen die Ankündigung zur Kenntnis“
          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy „nehmen die Ankündigung zur Kenntnis“ : Bild: dpa

          Die einzigen Euro-Staaten, die am Montag nicht unter Beobachtung gestellt wurden, sind Zypern und Griechenland. Die Kreditwürdigkeit Zyperns wird bereits überprüft und die Bonität Griechenlands ist aktuell die schlechteste aller Staaten der Welt.

          Zuvor hatten Merkel und Sarkozy ihre Pläne für eine Stärkung der Währungsunion vorgestellt. Sie umfassen automatische Strafen für Defizitsünder, die Schonung von Banken und das vorgezogene Aufspannen des dauerhaften Rettungsschirms ESM. Für ihren Pakt, der Vertragsänderungen erfordert, wollen beide auf dem EU-Gipfel am Ende der Woche das grüne Licht zumindest aller siebzehn Euro-Staaten erhalten. Der Plan werde sicherstellen, dass sich „so etwas wie jetzt nie wiederholt“, sagte Sarkozy mit Bezug auf die gegenwärtige Schuldenkrise.

          Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker kritisiert die drohende Herabstufung der Bonität scharf
          Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker kritisiert die drohende Herabstufung der Bonität scharf : Bild: dapd

          Die Ratifizierung neuer Verträge würde nach Einschätzung des Verfassungsrechtlers Piotr Maciej Kaczynski vom Center for European Policy Studies in Brüssel mindestens achtzehn Monate dauern. „Das ist viel länger, als die Märkte zu warten bereit sind“, sagte Kaczynski.

          Beobachter gingen davon aus, dass in einer enger vernetzten Union größere finanzielle Belastungen auf die wirtschaftsstarken Staaten Europas zukommen würden. Standard & Poor’s zeigte sich zudem skeptisch, ob die Euro-Staaten sich tatsächlich auf weitere Maßnahmen zur Beilegung der Schuldenkrise einigen können. Die Ratingagentur registrierte „anhaltende Meinungsverschiedenheiten unter europäischen Politikern, wie der Krise begegnet werden soll“.

          Standard & Poor’s : Deutschlands „AAA“ in Gefahr

          Außerdem bestehe keine Einigkeit darüber, „wie langfristig mehr ökonomische, finanzielle und steuerliche Konvergenz unter den Mitgliedern der Eurozone hergestellt werden kann“, hieß es in der Beurteilung von Standard & Poor“s. Als weiteren Grund für die Überprüfung der Bonität der Euro-Staaten nannte Standard & Poor“s ein erhöhtes Rezessionsrisiko.

          Analysten bemängelten zudem, dass noch immer keine Pläne vorlägen, wie weiteres Wirtschaftswachstum in der Eurozone generiert werden könne und auf welche Art und Weise die öffentlichen Ausgaben auf lange Sicht reduziert werden sollen. „Wenn das alles ist, sind das wirklich schlechte Nachrichten für die Zukunft des Euros“, sagte der Chefökonom des Londoner Forschungsinstituts Centre for European Reform, Simon Tilford, zu den Plänen von Merkel und Sarkozy.

          Drei amerikanische Ratingagenturen im Überblick

          Drei Ratingagenturen mit langer Geschichte und amerikanischen Wurzeln beherrschen den weltweiten Markt für die Benotung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten:

          STANDARD & POOR’S (S&P): Der Ratingriese ist Teil des Gemischtwarenladens McGraw-Hill - ein börsennotierter Medienkonzern, der unter anderem Schulbücher verlegt. An McGraw-Hill wiederum sind große Investmentfonds beteiligt sowie Unternehmenschef Harold McGraw. Bis Ende 2012 soll der amerikanische Konzern aufgespalten werden in eine Bildungs- und eine Finanzmarktsparte, zu der dann auch S&P gehört.

          MOODY’S: Der härteste Konkurrent von S&P ist selbst börsennotiert. Anteile halten bekannte, eher unauffällige Investmentfonds, aber auch Investoren-Legende Warren Buffett, der mit seiner Firma Berkshire Hathaway auf mehr als zehn Prozent der Moody’s-Anteile kommt. Als S&P Anfang August die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von der Topnote AAA auf AA herabstufte, kritisierte Buffett dies scharf. Moody’s blieb zunächst bei der Top-Note.

          FITCH: Die kleinere Nummer drei geht ebenfalls auf einen amerikanischen Gründer zurück, gehört heute aber zu 60 Prozent dem börsennotierten französischen Finanzinvestor Fimalac. Die restlichen Anteile hält der amerikanische Medienkonzern Hearst („Cosmopolitan“, „Elle“, ESPN). Hinter Fimalac steht der in Frankreich weit vernetzte Geschäftsmann und Unternehmer Marc Ladreit de Lacharrière. Fitch sitzt in New York und London.

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