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Prognose der Wirtschaftsweisen : Die Erholung kann beginnen

Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft schwer getroffen. Bild: dpa

Der Tiefpunkt in der Corona-Krise dürfte überwunden sein, meint der wirtschaftspolitische Sachverständigenrat der Bundesregierung. Doch der schwache Export bremst. Und die Unsicherheit bleibt.

          3 Min.

          Die deutsche Wirtschaft dürfte in der Corona-Krise so stark eingebrochen sein wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik – mit der Lockerung der Kontaktbeschränkungen dürfte das Gröbste aber vorerst überstanden sein und damit im Sommer die Erholung beginnen. Das geht aus der neuen Konjunkturprognose hervor, die der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung am Dienstag vorgelegt hat. Der sogenannte Rat der „Wirtschaftsweisen“ gilt als wichtigstes Beratergremium im Land und ist mit der Berufung von Monika Schnitzer und Veronika Grimm seit kurzem wieder fünfköpfig. Zu den weiteren Mitgliedern gehören Lars Feld, Volker Wieland und Achim Truger.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Verglichen mit dem Jahr 2019 schätzen die Ökonomen den Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung nunmehr auf 6,9 Prozent in diesem Jahr. Dieser Wert ist bereinigt von saisonalen und kalendarischen Sondereffekten wie Feiertagen. In absoluten Zahlen würde sich die Wirtschaftsleistung somit von mehr als 3,4 auf weniger als 3,2 Billionen Euro vermindern. Zugleich dürfte die Arbeitslosenquote trotz der staatlichen Hilfsmaßnahmen wie dem Kurzarbeitergeld zunehmen von 5,0 Prozent im vorigen Jahr auf 6,1 Prozent in diesem Jahr.

          Der Beschäftigungsrückgang beläuft sich in absoluten Zahlen auf etwa 500.000 Erwerbstätige. Und eine schnelle Rückkehr zum Vorkrisenniveau schließen die „Wirtschaftsweisen“ aus, auch wenn die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2020 wieder wachsen dürfte und im kommenden Jahr sogar eine Wachstumsrate von 4,9 Prozent zu erwarten sei. Die Arbeitslosenquote etwa dürfte in den kommenden Monaten noch weiter zulegen und auch im kommenden Jahr 6,1 Prozent betragen.

          Nachholeffekte „wenig wahrscheinlich“

          Wie schon die Prognose des Sachverständigenrats zu Beginn der Corona-Krise Ende März, dominiert auch nun die Unsicherheit über die weitere Entwicklung. „Für die vorliegende Prognose geht der Sachverständigenrat von der Annahme aus, dass es zunehmend gelingt, die Neuinfektionen einzudämmen und ein Wiederaufflammen der Pandemie mit erneuten Verschärfungen der Maßnahmen zu vermeiden“, heißt es einleitend. Entscheidend für den weiteren Verlauf dürfte zudem sein, wie synchron die weitere Entwicklung global verläuft, „damit die Erholung in den einzelnen Volkswirtschaften nicht durch eine fehlende Exportnachfrage ausgebremst wird“.

          Die „Wirtschaftsweisen“ machen keinen Hehl daraus, dass man diesbezüglich in der vorigen Prognose deutlich zu optimistisch gewesen sei; damals hatte man drei Szenarien für die Entwicklung der deutschen Wirtschaftsleistung entworfen und selbst im ungünstigsten Fall „nur“ ein Minus von 5,4 Prozent erwartet für dieses Jahr. Ein wesentlicher Grund sei die schlechtere Entwicklung im Ausland mit entsprechenden Folgen für die deutschen Exporteure. Für den Euroraum erwarten die Ökonomen sogar ein Minus von 8,5 Prozent, was vor allem am besonders starken Einbruch in Frankreich, Italien und Spanien (minus 11,0 bis minus 11,8 Prozent) liege. Hinzu komme, dass gerade in dem von den Eindämmungsmaßnahmen besonders stark betroffenen Dienstleistungsbereich größere Nachholeffekte „wenig wahrscheinlich“ seien.

          Zweifel an der Zahlungsfähigkeit

          „Echtzeitindikatoren“ wie der Stromverbrauch oder der Lkw-Verkehr deuten aus Sicht des Sachverständigenrats nun darauf hin, dass zeitgleich zur Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen der Tiefpunkt in der Corona-Krise überwunden sein dürfte. Dazu passt die am Dienstag veröffentlichte Geschäftsklimaumfrage des Londoner Markit-Instituts, der in Deutschland und auch im übrigen Euroraum auf eine deutlich bessere Stimmung hindeutet. Gleichwohl äußern sich die „Wirtschaftsweisen“ sehr zurückhaltend in ihrer Prognose und verweisen auf das große Bündel an Risiken für die Erholung der deutschen Wirtschaft. Dazu gehöre die Gefahr von „persistenten Verhaltensänderungen, die strukturelle Anpassungen auslösen“ könnten und das Wachstum nachhaltig zu behindern drohen.

          Ebenfalls sei die Gefahr von „umfangreichen Zahlungsausfällen“ bei Krediten nicht gebannt, schreiben sie mit Verweis auf den zu erwartenden Anstieg von Insolvenzen. Zudem gingen von dem seit Jahresbeginn zu beobachtenden starken Kapitalabfluss aus den Schwellenländern Risiken aus – für die Länder selbst und somit auch für die Absatzchancen von deutschen Unternehmen. Doch auch im Euroraum stelle die Krise „nicht zuletzt die bereits vor der Pandemie hochverschuldeten Mitgliedstaaten vor eine große Herausforderung“, heißt es in der Prognose weiter. Gelinge es nicht, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie in Grenzen zu halten, bestehe das Risiko, „dass es erneut zu Zweifeln an der Zahlungsfähigkeit einzelner Mitgliedstaaten kommt“.

          Die fiskal- wie auch geldpolitischen Antworten der Politik und EZB heißen die „Wirtschaftsweisen“ aber gut. Sie hätten geholfen, „sich selbst verstärkende Abwärtsprozesse zu verhindern“. Auch die jüngst beschlossenen Konjunkturhilfen halten sie für angemessen. „Im Großen und Ganzen sind wir mit dem Konjunkturpaket zufrieden“, sagte der Ratsvorsitzende Feld. Das Paket habe „mehr Licht als Schatten“. Zugleich warnten die Ökonomen vor einer verfrühten Debatte um Steuererhöhungen zur Rückführung der neuen Schulden. Feld betonte, eine expansive Fiskalpolitik sei in der aktuellen Lage notwendig. In normalen Zeiten sollte Deutschland aber wieder zur Schuldenbremse zurückkehren.

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