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Porträt: Jörg Asmussen : Der Brandbekämpfer

Personifizierte Kontinuität: Jörg Asmussen Bild: dpa

Er gilt in den Krisenzeiten der wichtigste Mann neben dem Finanzminister: Staatssekretär Jörg Asmussen hat nach dem Wechsel von Steinbrück zu Schäuble seinen Posten behalten. Er arbeitet sachkundig, loyal, verschwiegen - und ist zu clever, eigene Fehler zu bestreiten.

          3 Min.

          Jörg Asmussen hat vergangene Woche wieder einmal zwei Tage in Brüssel verbringen dürfen. Wieder einmal ging es darum, Schlimmeres an den Finanzmärkten zu verhindern. Seit Wochen schauen alle auf das hochverschuldete Griechenland. Mit seinen Kollegen aus den anderen Euro-Ländern hat der Finanzstaatssekretär die Konferenz der Minister vorbereitet, auf der die technischen Details der Hilfen festgezurrt werden sollten.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Schon am Sonntag haben diese bis zu 30 Milliarden Euro in einem Jahr an Krediten zugesagt, falls sich das Land am Markt nicht mehr finanzieren kann. Ein Sprecher von Bundeskanzlerin Merkel beschrieb die Lage bildhaft: „Dass ein Feuerlöscher an der Wand hängt, sagt überhaupt nichts darüber aus, ob er gebraucht wird.“

          Doch immer wieder muss, um im Bild zu bleiben, Asmussen mithelfen zu löschen. Der Diplom-Volkswirt ist der wichtigste Mann hinter dem Finanzminister. Bei ihm läuft alles zusammen, was in diesen Zeiten nur so zusammenkommen kann: Finanzkrise, Bankenrettung, Griechenland-Hilfe. Der immer noch junge Karrierebeamte, der zuweilen älter und übermüdet ausschaut, wenn man ihn auf dem politischen Parkett in Berlin trifft, tritt so zumindest im übertragenen Sinn in die Fußstapfen seines Vater, der Chef der städtischen Feuerwehr war.

          Schauen seit Wochen auf Griechenland: Asmussen (l.) in Brüssel mit dem italienischen Finanzminister Tremonti

          Er ist bei all dem die personifizierte Kontinuität. Dass das SPD-Mitglied Jörg Asmussen unter dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück in die Spitze des Beamtenapparats in dem mächtigen Bau an der Wilhelmstraße rücken würde, war absehbar gewesen, nicht aber, dass Steinbrücks Nachfolger Wolfgang Schäuble (CDU) an ihm festhalten sollte. Es entspricht nicht den politischen Gepflogenheiten. Doch gab es offenbar frühzeitig Hinweise von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), dass er blieb, was er war.

          Sachkundig, loyal, verschwiegen

          Asmussen ist nicht der Einzige, der von Steinbrücks Spitzenleuten im Amt blieb. Während der Verbleib von Haushaltsstaatssekretär Werner Gatzer das Ergebnis einer harmonischen Zusammenarbeit im Rahmen der Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes war, lief es bei Asmussen genau andersherum: In der großen Koalition stemmte sich der damalige Innenminister gegen die von Steinbrück betriebene Verstaatlichung der Krisenbank Hypo Real Estate. Asmussen vertrat die Position seines damaligen Chefs gegen seinen heutigen: sachkundig, loyal, verschwiegen. Das hat Schäuble offenbar überzeugt, den arbeitswütigen und international bestens verdrahteten Finanzmarktexperten zu behalten. Es ist auch keine Übergangslösung, sondern eine auf vier Jahre angelegte Zusammenarbeit.

          Spekulationen, Asmussen wolle zum Bankenverband oder zur Deutschen Bank wechseln, rufen bei ihm selbst nur ein müdes Lächeln hervor. Das hängt weniger mit seinem Schlafdefizit, sondern eher mit dem Wunsch zusammen, nach der Zeit im Bundesfinanzministerium möglichst zu einer internationalen Organisation zu wechseln, etwa nach Brüssel.

          Als Schäuble in den Bundestag einzog, war Asmussen sechs Jahre alt

          So arbeiten zwei im alten Nazibau eng miteinander, die nicht nur das Parteibuch, sondern auch das Alter trennt: Als Schäuble in den Bundestag einzog, war Asmussen gerade einmal sechs Jahre alt, als dieser unter Helmut Kohl erstmals Minister wurde, ging Asmussen noch zur Schule. Heute ist der eine 67 Jahre und der andere 43 Jahre alt.

          Asmussen, den Helmut Schmidt einst bewog, in die SPD einzutreten, versteht sich als derjenige, der die Vorlagen gibt, vollenden darf ein anderer. Der Minister entscheidet - notfalls vom Krankenhaus aus -, und das wird konsequent gemacht. Bedenken werden allenfalls intern geäußert. Asmussen ist da ganz Beamter, diese Aufgabenteilung hat er verinnerlicht. Er steht an der Seite des Ministers, um nicht zu sagen in seinem Schatten. Dass er sich gleichwohl reichlich oft im Rampenlicht wiederfindet, hängt mit seiner Fülle an Aufgaben zusammen.

          Im Büro gibt sich Asmussen als Technokrat

          Im Büro treibt Asmussen einiges um, nur nicht die Frage, wohin es die SPD zieht. Das klammert er aus, das tut er als Privatangelegenheit ab. Hier gibt er sich vielmehr ganz als Technokrat. Wenn seine Leute ihm nicht mehr aufschreiben als in der Zeitung steht, fragt er sich, was sie eigentlich machen. Vorlagen müssen exakt sein, wenn Zahlen nicht zusammenpassen, stört ihn das gewaltig.

          Seine Stärke ist, Ruhe zu bewahren, selbst wenn es um viel geht. Der gebürtige Flensburger hat die wichtige Fähigkeit, komplexe Sachverhalte aufzudröseln, um auf die entscheidenden Punkte zu kommen. Da unterscheidet er sich nicht sehr von seinem Minister. Die trockene Materie der Finanzmarktgesetzgebung fasziniert ihn schon lange: Wenn in Brüssel um eine Lösung gerungen wird, stellt er sich gern die Fragen: Warum fordern die einen das und die anderen jenes? Was sind die dahinterliegenden Interessen?

          Zu clever, um eigene Fehler zu bestreiten

          Die Frau, mit der er zusammenlebt und zwei kleine Töchter hat, hat ihre Position bei der Deutschen Börse aufgegeben. Asmussen hatte noch als Abteilungsleiter dafür gesorgt, nicht in Fragen eingebunden zu werden, in denen er befangen sein könnte. Nachdem nun seine Lebensgefährtin zu einer Kommunikationsagentur gewechselt ist, kann es keine unangenehmen Nachfragen mehr geben.

          Asmussen ist zu clever, um eigene Fehler zu bestreiten. Etwa, dass er für mehr Verbriefungen in Deutschland geworben hat, bevor die auf dem Papier als hochwertig eingestuften Papiere aus Amerika sich mit dem Verfall des Immobilienmarktes als nicht mehr handelbar herausstellten, was die Finanzkrise auslöste. Nicht jede Verbriefung sei falsch, meint er heute noch. Gut gemacht, sei es ein wichtiges Instrument für jeden Finanzplatz. Aber er räumt auch ein, dazugelernt zu haben. Die Finanzmarktkrise sei so tief gewesen, sagt er, dass keiner dieselbe Position wie vorher habe.

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