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Politik der Zentralbanken : Die 10-Billionen-Geldflut

Fed-Chef Ben Bernanke deutete sogar ein Ende der Käufe zur Jahresmitte 2014 an, wenn sich die Konjunktur ordentlich erhole. Die Märkte reagierten mit Kursverlusten und steigenden Zinsen. Fed-Vize William Dudley betonte vergangene Woche, dass der Ausstieg später komme, sollte die Konjunktur nicht kräftig genug sein. Unter Ökonomen ist umstritten, ob ein langsameres Wachstum der Zentralbankbilanz schon ein echter Ausstieg aus der expansiven Politik ist. EZB-Präsident Draghi hat die europäischen Anleger und die Wirtschaft zu beruhigen versucht: „Der Ausstieg liegt noch in weiter Ferne, da die Inflation niedrig und die Arbeitslosigkeit hoch ist“, sagte er vergangene Woche. Ähnlich äußerten sich weitere führende EZB-Ratsmitglieder, etwa der Franzose Benoît Cœuré: „Es sollte keine Zweifel geben, dass ein Ende der lockeren Geldpolitik weit entfernt ist.“

Auch wenn, gerade in der deutschen Öffentlichkeit, viel über Inflationsgefahren geredet wird - die Notenbanker weisen solche weit von sich. Die Inflationserwartungen seien fest verankert, wird EZB-Präsident Draghi nicht müde zu betonen. Im April ist die Teuerungsrate der Verbraucherpreise im Euroraum auf einen Tiefpunkt von nur 1,2 Prozent gefallen - vor allem weil Erdöl und Rohstoffe auf Jahressicht günstiger waren. Im Juni stand die Teuerungsrate bei 1,6 Prozent, wobei es in den rezessionsgeplagten Peripherie-Ländern deutlich deflationäre Tendenzen gibt. Das Geld, das die EZB in der Krise in den Finanzsektor gepumpt hat, kommt nicht in der Realwirtschaft an. Seit einiger Zeit schrumpft die Kreditvergabe sogar - im April um 1,1 Prozent (knapp 30 Milliarden Euro) zum Vorjahr.

Darin zeigt sich die Rezession. Das Wachstum der breiteren Geldmenge M3 fiel zuletzt unter 3 Prozent. „Wenn M3 ein mittelfristiger Indikator für Inflation ist, dann sieht man hier keine Gefahr“, betont EZB-Chefvolkswirt Peter Praet. Allerdings war das Kredit- und Geldmengenwachstum vor der Krise sehr hoch - „zu groß“, wie auch Praet zugibt. Im Boomjahr 2007 wuchs die Geldmenge M3 in der Spitze mit mehr als 12Prozent. Eigentlich war der Referenzwert der EZB nur 4,5 Prozent. Im Rahmen ihrer „Zwei Säulen Strategie“, die der erste EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing entwarf, beobachtete die Zentralbank eigentlich die Geld- und Kreditmengen; dies war noch ein fernes Echo der einstigen „monetaristischen“ Strategie der Bundesbank.

Doch irgendwann verschwammen die Maßstäbe, die EZB nahm ihre eigenen Leitplanken nicht mehr ernst. Im ersten Jahrzehnt der Währungsunion hat sich die Geldmenge M3 glatt verdoppelt, während die reale Wirtschaftsleistung nur um knapp 20 Prozent wuchs. Die extrem starke Geldmengenaufblähung führte zwar nicht zu Verbraucherpreisinflation, aber zu anderen Preisblasen, etwa an den Immobilienmärkten der Europeripherie. Wenn sich in der Krise nur die Zentralbank-Bilanzen aufblähen, dies jedoch keine entsprechende Kreditvergabe der Banken an Unternehmen und Privatleute auslöst, bleibt das Risiko von Inflation begrenzt. „Es muss überhaupt nicht zwingend zu Inflation kommen“, sagt auch der kritische Ex-BIZ-Chefvolkswirt Whit.

Wenn es eine neue Bankenkrise durch Fehlspekulationen und Fehlallokationen gebe und dann einen Rückfall in die Rezession, dann könne sogar eine Deflation drohen. Beide Ausgänge des geldpolitischen Experiments seien möglich. „Wir wissen nicht, was kommt“, gibt Whit zu. Sicher ist für ihn nur eines: „Es gibt riesigen politischen Druck auf die Zentralbanken, ihre Geldpolitik nicht zu straffen.“ Tatsächlich ist es ein schmaler Grat zwischen Inflation und Deflation, auf dem die Notenbanker in der Krise wandeln. EZB-Chefvolkswirt Praet sagte vor kurzem in einem Vortrag in der Frankfurt School of Finance recht nachdenklich: „Es ist nicht leicht, die Balance zu finden.“ Und er fügte hinzu: „Erst die Geschichte wird sagen, ob wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben.“

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