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Politik der Zentralbanken : Die 10-Billionen-Geldflut

Die Zentralbanken seien die falsche Adresse: „Wenn man sein Auto reparieren will, dann sollte man es nicht zum Gemüsehändler, sondern zum Mechaniker bringen“, sagt Cecchetti. Die Wachstumsschwäche könnten nicht die Zentralbanker, sondern Reformen der Wirtschaftspolitiker überwinden. Die BIZ ist das seit 1930 existierende internationale Dachinstitut der Zentralbanken, das vor allem Forschung betreibt. Mit ihrem kritischen Bericht hat sie sich nicht nur Freunde gemacht. Es gab viele heftig ablehnende Reaktionen. Die „Financial Times“ etwa bezeichnete den Tenor des Berichts als „zutiefst und gefährlich falsch“. Denn in den Augen der Fürsprecher einer expansiven Geldpolitik kann diese sehr wohl helfen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken und die Kreditvergabe zu erleichtern.

Rezession durch zu frühen Ausstieg

Ein zu früher Ausstieg dagegen könnte die Welt zurück in die Rezession werfen. Die BIZ, die Strukturreformen erzwingen wolle, verschreibe der Welt eine Schrumpfkur; das sei „nicht nur sadistisch, sondern sado-masochistisch“, fand die „Financial Times“. Dabei hat die BIZ nicht zum sofortigen Exit aus der lockeren Geldpolitik geraten, wie Generaldirektor Jaime Caruana betonte. Aber sie weist eben auf mögliche Probleme hin. William White, der frühere Chefvolkswirt der BIZ, hat diese schon früh thematisiert. Der kanadische Ökonom gehörte vor Ausbruch der Finanzkrise zu den einsamen Warnern, er war die Kassandra. 2005 beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole, als man dort den Abschied des langjährigen Fed-Chefs Alan Greenspan feierte, beschwor White die Risiken einer zu starken Kreditexpansion, die zu einer Blase führen könne, deren Platzen verheerende Folgen haben werde.

Auch der indisch-amerikanische Ökonom Raghuram Rajan, damals Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, wies auf zunehmende Risiken hin und warnte vor einer möglichen Krise am Interbankenmarkt, wenn plötzlich die Frage nach den faulen Krediten aufkomme. Doch die Zentralbanker wollten davon nichts hören, sie feierten lieber Greenspan, den „Magier“, der mit billigem Geld die Weltwirtschaft in ein scheinbar goldenes Zeitalter führte. Bis 2007 wuchs die Kreditblase weiter an, dann platzte sie. White ist kein Sadist und kein Masochist. Er unterstützt den expansiven Kurs der Geldpolitik in der Krise, um eine völlige Implosion der Wirtschaft zu verhindern. „Das Ziel der Stabilisierung war absolut legitim“, sagt er.

Aber inzwischen verfolge die Geldpolitik mehr und mehr das Ziel, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzuregen, indem eine Schuldenkrise mit neuen Schulden bekämpft werden soll. Niedrige Zinsen sollen die Banken zur Kreditvergabe anregen. Obwohl Verbraucher hoch verschuldet sind, sollen sie zu neuem kreditfinanzierten Konsum verleitet werden. Die billig verfügbare Liquidität hat zudem bis vor kurzem die Börsenkurse hochgetrieben. Aber diese Politik stoße an Grenzen und berge Risiken, warnt White. Das billige Geld wirke wie eine Droge, mache süchtig. Es sei ein Irrglaube, dass ultraniedrige Zinsen einen „free lunch“ ermöglichten. „Der Nutzen der ultralockeren Geldpolitik wird schwächer, und die Risiken und Kosten nehmen zu“, meint White im Gespräch mit der F.A.Z.

„Ausstieg noch in weiter Ferne“

Mittelfristig überwögen die unerwünschten Nebenwirkungen, nämlich Fehlinvestitionen in der Realwirtschaft, kranke Finanzinstitute, auch „Zombiebanken“ genannt, und die Gefahr, dass die Notenbanken das Ziel der Preisstabilität aus den Augen verlieren. Außerdem werde die Verschuldungsproblematik verschleppt. Die lockere Geldpolitik in Amerika habe zudem große Kapitalströme in die Schwellenländer ausgelöst und dort Konjunktur und Inflation angetrieben. Inzwischen kehren diese Kapitalströme um - dies destabilisiert nun die Schwellenländermärkte. Die Federal Reserve wie auch die EZB halten sich zugute, mit ihrer Politik die Erholung der Wirtschaft unterstützt zu haben. Angesichts der sinkenden Arbeitslosigkeit in Amerika - die Quote lag zuletzt bei 7,6 Prozent - hat die Fed eine Verringerung der Anleihekäufe in diesem Jahr angekündigt, die derzeit monatlich 85 Milliarden Dollar betragen.

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