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Polit-Aktivistin Witt : Was stört Sie an Mario Draghi?

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Mitten in einer Pressekonferenz ist Josephine Witt auf den Tisch des EZB-Präsidenten gesprungen und hat ihn mit Konfetti beworfen. Im Interview erklärt sie ihre Beweggründe – und warum sie dieses Mal angezogen blieb.

          Frau Witt, Sie sind während der EZB-Pressekonferenz auf Mario Draghis Tisch gesprungen und haben ihn mit Konfetti beworfen. Was sollte das?

          Ich hatte Mario Draghi schon länger auf meiner Liste. Vor einem Monat ging es dann ab vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, ich meine die Demonstrationen anlässlich der Eröffnung des neuen Gebäudes. Da brannten die Barrikaden. Da ist mir noch einmal klargeworden, wie wahnsinnig sich die EZB abschottet gegenüber den normalen Leuten.

          Deswegen wirft man Glitzer auf Mario Draghi und ruft „End the ECB dictatorship“?

          Nein, die EZB ist nicht demokratisch legitimiert, weil sie nicht gewählt wird. Das finde ich falsch. Denn das, was sie tut, ist klar politisch und hat Auswirkungen auf uns alle. In Deutschland zum Beispiel auf die Sparanlagen, die sich kaum mehr lohnen. In Griechenland darauf, wie stark das Land sparen muss. Es gibt viel Kritik am Wirken der EZB, sie aber schottet sich ab. Die Demonstranten wurden weit ferngehalten vom Gebäude, es gab keinen Dialog. Das wirkt auf mich sehr überheblich. Auch der neue Prunkbau spricht eine deutliche Sprache. Da hat man sich weit von der Lebensrealität des Durchschnittsbürgers entfernt.

          Sie studieren Philosophie in Hamburg und machen auf mich auch nicht gerade den Eindruck, als kämen sie aus der Unterschicht.

          Ich bin die Erste in meiner Familie, die studiert, und reich sind meine Eltern sicher nicht. Ich bekomme den Bafög-Höchstsatz. Meine Mutter ist Physiotherapeutin, mein Vater hat einen Ein-Mann-Betrieb, ich habe drei kleine Geschwister.

          Was sagen die zu dem Protest?

          Meine Geschwister finden es cool. Meine Eltern machen sich eher Sorgen, fürchte ich.

          Glauben Sie wirklich, dass die EZB nach Ihrem Protest etwas ändert?

          Nein, ich glaube nicht, dass Mario Draghi versteht, was ich wollte. Das erwarte ich auch gar nicht.

          Was würden Sie denn ändern? Sollte der EZB-Präsident künftig von den Bürgern gewählt werden?

          Keine Ahnung. Aber warum denn nicht? Mir ging es aber auch um etwas anderes. Ich will das Narrativ brechen, das derzeit vorherrscht in Europa – das Narrativ, dass in Europa die nördlichen Länder gegen die südlichen Länder kämpfen.

          Da könnten Sie sich mit Draghi zusammentun. Der will das auch.

          Aber er tut etwas anderes. Er steht für die Sparpolitik in Europa, die die EZB propagiert. Aber ich bin keine Finanzexpertin.

          Dann befrage ich Sie als Protestexpertin. Die EZB ist gut geschützt. Wie sind Sie da reingekommen?

          Als ich morgens in Frankfurt ankam, war ich sicher, dass ich gar nicht in den Saal komme. Ich dachte nicht, dass es so leicht ist. Ich hatte mich einfach online mit meinem richtigen Namen für die Pressekonferenz angemeldet und dort angegeben, dass ich als Journalistin für das Jugendmedium „Vice“ arbeite. Das war die einzige Lüge, die notwendig war.

          Moment mal. Wenn man Ihren Namen googelt, tauchen sofort Fotos von Ihren Aktionen auf. Sie waren bei Femen, dem für seine Nacktauftritte bekannten Protestbündnis, haben mit der Aufschrift „I am God“ auf dem nackten Oberkörper Kardinal Meisner erschreckt.

          Anscheinend hat mich keiner gegoogelt. Ich war auf jeden Fall mit meinem richtigen Namen dort und habe auch meinen richtigen Personalausweis am Eingang vorgezeigt. Nach einem Presseausweis hat keiner gefragt. Das war gut so, denn ich habe auch keinen.

          Wieso haben Sie eigentlich dieses Mal angezogen protestiert?

          Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich angezogen vor einem so wichtigen Mann stand. Ich habe schon seit einem Jahr keine Femen-Aktion mehr gemacht, in Deutschland ist die Bewegung relativ uninteressant geworden. Und ich fand, das „Oben ohne“ nutzt sich auch irgendwann ab. Dann wird wieder nur noch über Femen geredet und nicht über das Thema, das ich ansprechen wollte. Aber natürlich habe ich bei Femen gelernt, dass man ein gutes Bild erzeugen muss. Deshalb habe ich Konfetti genommen. Das ist friedlich, aber auffällig.

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