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Wirtschaft in der Corona-Krise : Altmaier: Einbruch mindestens so stark wie in der Finanzkrise

  • Aktualisiert am

Kann derzeit keinen Optimismus versprühen: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Bild: AP

Der Wirtschaftsminister rechnet mit einer Krise, wie es sie in der Geschichte der Bundesrepublik bisher so nicht gegeben habe. Ein bekannter Ökonom schließt eine jahrelange Hängepartie wie in Italien und Griechenland nicht aus.

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          Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier rechnet infolge der Corona-Krise mit einem Konjunktureinbruch in Deutschland. „Wir müssen mit tiefen Einschnitten beim Wirtschaftswachstum rechnen“, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Berlin. Die Einschnitte würden mindestens so stark, wenn nicht stärker als in der Finanzkrise 2009. Damals war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5,7 Prozent zurückgegangen.

          Infolge der Corona-Krise mussten viele Geschäfte und Restaurants dicht machen, in vielen Fabriken wird nicht mehr produziert, globale Lieferketten sind unterbrochen. Altmaier sagte, der Gesundheitsschutz habe Priorität. Er sprach von einer Krise, die es in der Geschichte der Bundesrepublik bisher so nicht gegeben habe, und geht davon aus, dass die Wirtschaft in einzelnen Monaten im Frühjahr um mehr als 8 Prozent einbrechen könne.

          Der Höhepunkt der Krise werde voraussichtlich im April und Mai sein. Es gebe aber Hoffnung, das sich die Lage dann im zweiten Halbjahr wieder normalisiere. Eine konkrete Zahl für das BIP im Gesamtjahr nannte Altmaier nicht. Nach der Pandemie solle die Wirtschaft wieder „durchstarten“. Dafür werde innerhalb der Bundesregierung an einem Konjunkturprogramm gearbeitet.

          Der Großteil ist schon bewilligt

          Auch Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) betonte am Donnerstag, dass man die Wirtschaft nach der Corona-Krise mit einem Konjunkturpaket wieder ankurbeln wolle. Er sieht aber auch die Unternehmen selbst in der Pflicht. Jene, die nun vom Staat unterstützt würden, dürften diese Solidarität dann nicht vergessen, mahnte er.

          „Wir wollen sicherstellen, dass – wenn wir die Gesundheitskrise bewältigt haben, wenn wir die Arbeitsplätze, die Unternehmen gesichert haben, wenn es wieder aufwärts geht – das auch unterstützt wird mit konjunkturellen Maßnahmen“, sagte Scholz. Ziel müsse eine Politik sein, „in der hohe Investitionen eine Rolle spielen und in der der Sozialstaat ausgebaut und nicht zurückgebaut“ werde.

          Zu den Hilfen der Bundesregierung zog er eine positive Zwischenbilanz. So seien bei der Förderbank KfW nicht nur zahlreiche Unterstützungsanträge eingegangen, sondern der Großteil sei auch schon bewilligt worden. Nach Angaben der KfW gab es bisher 2500 Anträge mit 10,6 Milliarden Euro Gesamtvolumen. In den meisten Fällen gehe es um Kredite bis zu 3 Millionen Euro, für die vereinfachte Bedingungen gelten. Knapp 2100 Anträge seien schon bewilligt, 750 Millionen Euro zugesagt.

          „Ein solches Worst-Case-Szenario sollten wir nicht komplett von der Hand weisen“

          Nach Ansicht der FDP im Bundestag wirken die Hilfen allerdings nicht zielgenau. „Es ist ausreichend Geld da, aber es nützt nichts, wenn es nicht an den richtigen Stellen ankommt“, beklagte Fraktionsvize Christian Dürr. Die FDP vertritt das Konzept einer negativen Gewinnsteuer, mit dem die Finanzämter nach ihrer Ansicht innerhalb weniger Tage Soforthilfen auszahlen könnten. „Wenn wir noch länger warten, werden viele Betriebe pleite sein!“, warnte Dürr.

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          Auch unter Ökonomen gibt es nach wie vor sehr düstere Aussichten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) befürchtet hierzulande einen massiven Konjunktureinbruch durch die Corona-Pandemie. „Keiner kann verlässliche Zahlen nennen. Ich befürchte aber, dass diese Krise für Deutschland wirtschaftlich gesehen härter wird als die globale Finanzkrise“, sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher am Donnerstag. Ein Anzeichen dafür sei auch der massive Anstieg der Anzeigen von Kurzarbeit der vergangenen Wochen: „Das macht mir Sorge“, so Fratzscher. 

          Zusammen mit den anderen führenden  Wirtschaftsforschungsinstituten wird das DIW am kommenden Mittwoch der Bundesregierung ihre Gemeinschaftsdiagnose vorlegen. Fratzscher wollte mit Blick auf den nahen Veröffentlichungstermin des Gutachtens zwar keine Zahlen nennen, betonte aber, das jüngst von den Wirtschaftsweisen vorgelegte Papier sei aus seiner Sicht „recht optimistisch“ ausgefallen.

          Für die Prognose hätten die Weisen ein „sehr kleines Team“ im Vergleich zu den Wirtschaftsforschungsinstituten. Die Sachverständigen um den Freiburger Forscher Lars Feld hatten in ihrem Basisszenario vorhergesagt, dass die hiesige Wirtschaft dieses Jahr um 2,8 Prozent schrumpfen und im schlimmsten Fall um 5,4 Prozent einbrechen wird. Damit würde die Talfahrt nicht ganz so rasant ausfallen wie im Krisenjahr 2009 mit damals minus 5,7 Prozent.

          Fratzscher machte deutlich, es sei zurzeit sehr schwer, belastbare Prognosen zu stellen. Vielmehr gehe es darum, je nach Schweregrad und Dauer der Krise verschiedene Szenarien für den weiteren wirtschaftlichen Verlauf zu erstellen: Nach der Finanzkrise sei Deutschland nach einem tiefen Einbruch der Konjunktur eine relativ schnelle Erholung gelungen, Ländern wie Italien und Griechenland aber nicht.

          „Die sind tief eingebrochen und sind dort viele, viele Jahre verharrt. Und ein solches Worst-Case-Szenario für Deutschland nach dieser Krise sollten wir nicht komplett von der Hand weisen“, sagte Fratzscher. 

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