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Otmar Issing : „Der Euro wird mich lange überleben“

  • Aktualisiert am

Der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, ist einer der Väter des Euro Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Als Chefökonom der Europäischen Zentralbank hat Otmar Issing den Euro groß gemacht und für Stabilität gesorgt. Dass der Euro in eine Krise geraten würde, hat er kommen sehen. Doch die Politiker hätten die Warnungen ignoriert.

          Herr Issing, Sie sind einer der Väter des Euro. Jetzt steckt Ihr Kind in einer Existenzkrise. Mal ehrlich, stünden wir ohne den Euro nicht besser da?

          Nein, mit Sicherheit nicht. Es genügt, daran zu denken, was passiert wäre, wenn wir beim Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren noch all die nationalen Währungen gehabt hätten.

          Was denn?

          Für die D-Mark wäre das eine Katastrophe gewesen. Es hätte eine Flucht in die deutsche Währung stattgefunden, die Bundesbank hätte mit riesigen Beträgen intervenieren müssen, ohne eine starke Aufwertung verhindern zu können. Das hätte fatale Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft gehabt.

          Die D-Mark wäre jetzt so stark, dass wir kaum mehr etwas exportieren würden?

          Der Einbruch wäre massiv gewesen. Man muss nur daran denken, was 1992/93 geschah. Die Krise damals hat dazu geführt, dass in kürzester Zeit die italienische Lira um mehr als 30 Prozent gegenüber der D-Mark abgewertet hat. Reihenweise sind damals die mittelständischen Unternehmen gerade in Süddeutschland pleitegegangen. Sie konnten eine solche abrupte Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit nicht meistern. In der letzten Krise wäre das noch heftiger ausgegangen.

          Wieso ist das mit dem Euro anders? Wertet der nicht auch auf, wenn es eine Krise in Amerika gibt?

          Die D-Mark war die Währung eines vergleichbar kleinen Landes. Der Euro repräsentiert eine Gemeinschaft von 17 Mitgliedsländern und über 300 Millionen Menschen. Die Währung des zweitwichtigsten Wirtschaftsraums ist wesentlich robuster.

          Liegt der relativ stabile Kurs des Euro gegenüber dem Dollar nicht eher daran, dass wir auch reichlich Probleme haben? Dass wir mitten in der Eurokrise stecken?

          Das ist ein Faktor, den man nicht vernachlässigen darf. Eurokrise würde ich das aber nicht nennen.

          Wieso nicht? Wenn wir den Euro nicht hätten, müssten wir Griechenland nicht retten.

          Das ist richtig, aber das macht den Euro nicht zu einer Krisenwährung. Was wir sehen, sind die Folgen eines Währungsraumes, in dem eine wichtige Regel verletzt wird: Kein Land steht für die Schulden eines anderen ein.

          Mehr als die Hälfte der Deutschen denkt: Wir wären besser bei der D-Mark geblieben. Können so viele Menschen irren?

          Ja, natürlich. Es ist ihnen aber nicht zu verübeln. Die Deutschen haben sehr an der D-Mark gehangen, und es ist wie mit vielen Dingen: Die Vergangenheit verklärt sich. In Frankreich haben die Menschen 30 Jahre lang dem alten Franc hinterhergetrauert, nachdem der neue eingeführt war.

          Sie haben hier und jetzt die Gelegenheit, die skeptische Hälfte der Deutschen zu überzeugen: Wozu ist der Euro gut?

          Es fängt damit an, dass der Euro bisher für weniger Inflation gesorgt hat als die D-Mark. Dessen sind sich die meisten überhaupt nicht bewusst. Außerdem steht der Euro auf stabileren Beinen als eine Währung wie die D-Mark, die leicht zum Spielball der Spekulation wird. Dafür ist der Euroraum, wie gesagt, zu groß.

          Ist es wirklich so schlimm, wenn eine Währung aufwertet? Schauen wir uns den Schweizer Franken an. Der ist enorm teuer geworden. Trotzdem leben die Schweizer gut damit.

          Die Schweizer überleben, aber mehr auch nicht. Die starke Aufwertung ist für die Schweizer Wirtschaft und für die Notenbank ein Riesenproblem. Die Notenbank hat stark interveniert, um die Aufwertung zu stoppen. Das ist aber nicht wirklich gelungen. Die Alleinstellung wirft also große Probleme auf.

          Ich habe keine Sorge, dass die Schweiz bald untergeht.

          Für die Exportwirtschaft ist das eine kritische Situation. Wenn das so weiterginge, wäre sie bald am Ende. Gehen Sie mal in die Schweiz und fragen die Exportunternehmen. Es gibt kein Land der Welt, das so sehr an einem stabilen Wechselkurs zum Euro interessiert ist wie die Schweiz.

          Den stabilsten Wechselkurs hätte sie, wenn sie der EU beitreten und den Euro einführen würde. Bisher hat man aber nicht gehört, dass die Schweizer das wollen.

          Nein, für die Finanzwirtschaft hat das ja auch Vorteile. Fluchtgelder gehen in die Schweiz, weil man erwartet, dass dort das Vermögen stabil bleibt. Aber die ganze Schweiz kann nicht davon leben, dass sie ausländisches Vermögen verwaltet.

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