https://www.faz.net/-gqe-7kxb4

Olympische Winterspiele : Sotschi zwischen Wunsch und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Baustelle Sotschi: Der Eispalast hinter den Palmen ist fertig, im Vordergrund wird noch mit Hochdruck gewerkelt Bild: REUTERS

Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele sucht Sotschi noch nach einem Konzept, wie die teuren Sportstätten auch künftig ausgelastet werden können.

          4 Min.

          Wer Olympische Winterspiele wie in Sotschi in schneearmen subtropischen Klimazonen veranstaltet, kann vielleicht auch eine Lawine anhalten. Aber was hier aus der Ferne wie eine stehengebliebene Lawine aussieht, ist keine: Es sind vielmehr die Batterien von Schneekanonen, die rund um die Mittelstation des Skigebiets Rosa Chutor in gleißendem Sonnenlicht einen weißen Nebel erzeugen.

          Hier, in den kaukasischen Bergen oberhalb von Sotschi, Russlands Synonym für Sommerfrische am Schwarzen Meer, werden im Februar die olympischen Freiluftwettbewerbe stattfinden. Der Dezember war außergewöhnlich kalt, ein halber Meter Neuschnee ist gefallen, und die Schneekanonen laufen auf Hochtouren. Mit diesem Wetter habe er so früh überhaupt nicht gerechnet, sagt der sichtlich zufriedene Sportdirektor des Skigebiets, Yves Dimier. Jetzt garantiere er den Athleten wunderbare Pisten.

          In der Tat tut der Wintereinbruch der Szenerie gut: Auf der gegenüberliegenden Seite des Bergtals Krasnaja Poljana liegt das Biathlon-Zentrum, einen Berg weiter stehen die Bobbahn und dahinter die Sprungschanzen. Der Schnee macht den Gedanken etwas weniger surreal, Winterspiele auf dem Breitengrad von St. Tropez auszurichten.

          Putins Prestige-Projekt

          Spektakuläre Spiele zum Preis von 12 Milliarden Dollar, einzigartig kompakt und „keine Staus, das verspreche ich“ - im Jahr 2007 hatte sich Wladimir Putin, schon damals Präsident Russlands, nicht von seiner bescheidenen Seite gezeigt. Anlässlich der entscheidenden Abstimmung, in der sich Sotschi als Austragungsort gegen Salzburg und das südkoreanische Pyeongchang durchsetzten sollte, hielt Putin vor dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Guatemala eine seiner wenigen Reden auf Englisch.

          Angemessen war das zweifellos, denn die Winterspiele 2014 sind nicht nur Russlands größtes Bauprojekt seit dem Ende der Sowjetunion, sie sind vor allem Putins Prestigeprojekt. Nach den jüngsten Terroranschlägen im nahen Wolgograd drohte Putin zuletzt den Verursachern blutige Rache an und forderte seine Landsleute auf, sich trotzdem auf Olympia zu freuen.

          Inzwischen sind die Kosten auf mindestens 50 Milliarden Dollar gestiegen. Korruption und Veruntreuung ungeheuren Ausmaßes machen Sotschi zu den teuersten Spielen der Geschichte. Gelegentlich inszeniert Putin sein Missfallen über die Zustände. Prominentestes Opfer seiner Vergeltung, wenn auch für viele Beobachter nur ein Bauernopfer, ist Achmed Bilalow: Im Februar kanzelte Putin den Vizepräsidenten des Nationalen Olympischen Komitees vor laufenden Fernsehkameras ab, kurz darauf entließ er ihn. Bilalows Unternehmen war für den Bau der Skisprungschanzen zuständig. Er habe sich dafür „freiwillig gemeldet“, hieß es von der Regierung. Die Schanzen wurden zwei Jahre später fertig als geplant und kamen mit 245 Millionen Dollar etwa siebenmal teurer zu stehen als anvisiert.

          Russische Desorganisation

          Ganz hinten in Krasnaja Poljana, wo nagelneue Hotels mit kitschiger Architektur, Geschäfte und Boulevards auf die ersten olympischen Besucher warten, steht Sportdirektor Yves Dimier und schwärmt: Vor vier Jahren habe hier gar nichts gestanden, sagt er. Russlands Leistung sei mit früheren Winterspielen überhaupt nicht vergleichbar. Tatsächlich verlor Russland mit dem Ende der Sowjetunion auch alle alpinen Skigebiete, von ein paar versprengten Liften abgesehen. Jetzt kann es wenigstens eine einzige moderne, international konkurrenzfähige Skiregion vorweisen.

          Perfekt angeschlossenes Wintersportangebot in den Bergen
          Perfekt angeschlossenes Wintersportangebot in den Bergen : Bild: F.A.Z.

          Doch bevor sich darüber Touristen freuen können, muss Sotschi die olympische Feuerprobe bestehen. 6000 Athleten und 80.000 Gäste werden erwartet. Das Organisationschaos sei enorm, ist aus ausländischen Delegationen unisono zu hören. Fast verzweifelt werden freie Betten gesucht, von den Hotels mit bereits vermieteten Zimmern sind manche noch nicht fertiggebaut. Wo das IOC strenge Vorgaben mache, etwa bei der Unterbringung der Athleten, kämen die Vorbereitungen gut voran, heißt es.

          Wo die Russen der Selbstorganisation überlassen werden, bleibe es spannend. In dem Durcheinander versuchen viele, mit überzogenen Preisen auf ihre Kosten zu kommen. Ein Geschäft wird vom anderen abhängig gemacht: Erwirbt der Kunde nicht den überteuerten Dieselgenerator, wird ihm auch kein Diesel verkauft. Russische Unternehmer haben bedauerlicherweise oft kein Problem mit „Lose-Lose-Situationen“: Können sie ihre Maximalforderungen nicht durchsetzen, platzt ein Geschäft. Zum Beispiel scheiterte die Vergabe von Bauplätzen in der olympischen Zone an der Küste, wo die Länder ihrer nationalen olympischen Häuser errichten wollten, häufig an zu hohen Preisforderungen.

          Zu viel und zu wenig für die Zukunft

          Doch was macht Sotschi nach Olympia? Bekannt als Kurort für die russische Mittelklasse, kann die Region nicht darauf hoffen, all die neuen Gästezimmer zu Olympia-Preisen zu füllen. Schließlich darf man die inländischen Gäste, die bisher nahezu alle Besucher stellten, nicht verlieren - Sotschi ist für russische Verhältnisse schon teuer. Angesichts der erweiterten Kapazitäten braucht es aber auch ausländische Touristen, und die wünschen nicht nur Qualität, sondern einen Grund, um in den Kaukasus zu reisen.

          Zwar hat Sotschi jetzt in den Bergen ein perfekt angeschlossenes Wintersportangebot, mit dem es sich vom Sommergeschäft unabhängiger machen kann. Schwierig ist jedoch die Nachnutzung der sechs neu gebauten Stadien an der Küste. Eines ist der große Eispalast, und an ihm zeigt sich das Dilemma exemplarisch: Dort werden die wichtigsten Eishockey-Spiele stattfinden, und Eishockey ist vielleicht die wichtigste Sportart in Russland. Doch der Palast hat nur Platz für 12.000 Besucher, ein Drittel weniger als das Stadion im kanadischen Vancouver bei den Spielen 2010.

          Denn direkt nebenan steht schon das Hauptstadion „Fischt“ mit Raum für 40.000 Personen. Bekannt für ständige Bauverzögerungen, wurde es nur für die Eröffnungs- und Abschlussfeiern der Spiele errichtet. Zwei gigantische Hallen nebeneinander könnten in Sotschi für den Dauergebrauch etwas viel sein, sagt Uliana Barbuschewa, die stellvertretende Stadionmanagerin.

          Recht hat sie, aber die Langzeitplanung ist damit nicht in trockenen Tüchern. Im Jahr 2012 hieß es noch, die Hälfte der Stadien an der Küste könnte abgebaut und in andere Landesteile transportiert werden. Davon ist jetzt nicht mehr die Rede, stattdessen sollen sie unter anderem als Mehrzweckhallen, als Velodrom oder als Sportzentrum für Kinder genutzt werden.

          Im Hauptstadion „Fischt“ werden bei der Weltmeisterschaft 2018 Fußballspiele stattfinden, zwischen den Stadien soll sich eine Formel-1-Strecke schlängeln. Außer um die Bauten hätten sich die Veranstalter auch um Ideen kümmern müssen, für ein Tourismuskonzept, das Sotschi schon heute im In- und Ausland bewirbt und Gäste anlockt. Die Strategie müsste von lokalen Akteuren gestaltet werden, welche die Stärken ihrer Heimat am besten kennen - ein großer Gegensatz zu der in Russland üblichen zentralistischen Kommandostruktur. In Sotschi wurde fast alles aus Moskau vorgegeben.

          Weitere Themen

          Vorsicht, Spionage!

          Winterspiele in China : Vorsicht, Spionage!

          Der DOSB rät seiner Olympia-Mannschaft, eigens für die Winterspiele zur Verfügung gestellte Handys zu nutzen. Briten und Niederländer gehen sogar noch weiter und warnen vor digitaler Spionage in Peking.

          So funktionieren NFTs Video-Seite öffnen

          Digitaler Echtheitsnachweis : So funktionieren NFTs

          Non-Fungible Tokens (NFTs) werden immer beliebter. Sie spielen etwa beim Handel mit digitaler Kunst eine Rolle. Die Videografik erklärt, was hinter dem digitalen Echtheitszertifikat steckt und wie es funktioniert.

          Topmeldungen

          Lars Klingbeil (links), Vorsitzender der SPD, und Saskia Esken, Vorsitzende der SPD, äußern sich am 20. Dezember 2021 bei einer Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung des Parteivorstandes im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

          Trotz Wahlerfolgs : Die SPD verliert weiter rasant Mitglieder

          Nach dem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl traten der Partei im September zwar mehr Neumitglieder bei als in allen anderen Monaten des Jahres. Aber sie konnten den abermaligen Verlust von etwa fünf Prozent der Mitgliedschaft nicht ausgleichen.

          Novak Djokovics Ausweisung : Schluss mit dem Ego

          Nach dem Entzug des australischen Visums für den serbischen Tennis-Star bleibt zwar ein schaler Nachgeschmack, aber für den eigenen Schaden ist er, wohl auch entsetzlich schlecht beraten, selbst verantwortlich.
          Ein Militärangehöriger am 9. Dezember 2021 bei Sentianivka in der Ostukraine

          Ukraine-Krise : Plant Russland eine False-Flag-Operation?

          Washington erhebt detaillierte Vorwürfe gegen Moskau. Und der Kreml gibt erstmals offen zu, dass der jüngste Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine dazu dient, Putins Forderungen nach „Sicherheitsgarantien“ durchzusetzen.