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Geldpolitik : Ölpreis treibt Inflation, Risikoscheu die Geldmenge

Die Geldmenge steigt, doch die Kreditmenge entwickelt sich schwach Bild: Zimmermann, Julia

Vor allem wegen des Ölpreises ist die Teuerung in Deutschland auf 2 Prozent gestiegen. Unterdessen wächst seit einigen Monaten die Geldmenge stärker als die Kreditvergabe.

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          Der rasant gestiegene Ölpreis hat die Inflationsrate in Deutschland im August stärker als von den meisten Volkswirten prognostiziert von 1,7 auf 2,0 Prozent gehoben. Das hat das Statistische Bundesamt auf Basis einer ersten Schätzung am Mittwoch bekannt gegeben. Für den Euroraum erwarten Volkswirte einen Anstieg der Teuerung von 2,4 auf 2,5 Prozent.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Derzeit bewege vor allem das Auf und Ab des Ölpreises die Inflationsrate, betonte die Commerzbank-Volkswirtin Ulrike Rondorf. Bereinigt um die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel, liege die Teuerungsrate in Deutschland derzeit nur bei 1,1 Prozent. Allerdings erwarten viele Volkswirte aus mehreren Gründen einen Anstieg der Inflation in Deutschland. Die Löhne und Gehälter steigen, was den Kostendruck erhöht. Zudem sind die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) für Deutschland nach Ansicht von Experten zu niedrig.

          Der Benzinpreis hat einen Rekordstand erreicht

          Die Aussicht auf eine global lockerere Geldpolitik zur Konjunkturstimulierung ist nach Ansicht von Analysten mit ein Grund für die anziehenden Rohölnotierungen. Der Preis für ein Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent lag zum Monatsanfang bei knapp 87 Euro, zur Monatsmitte - als die Inflationsrate ermittelt wurde - aber bei 95 Euro, also gut 9 Prozent höher. Inzwischen ist er wieder auf knapp 90 Euro je Barrel gesunken. Der Benzinpreis hat mit 1,70 Euro je Liter - gut 9 Prozent mehr als im Vormonat - einen Rekordstand erreicht.

          Seit einigen Monaten verfestigt sich unterdessen in der Geld- und Kreditmengenentwicklung im Euroraum ein Bild, wie es sich im Verlauf der Finanzkrise schon wiederholt ergeben hat. Obwohl die Kreditvergabe stagniert, wächst die Geldmenge. Im Juli zum Beispiel stieg die Jahresrate für die von der Europäischen Zentralbank besonders aufmerksam beobachtete Geldmenge M3, die unter anderem Bargeld, Geldmarkttitel und Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren umfasst, von 3,2 auf 3,8 Prozent.

          Bild: F.A.Z.

          Die Veränderungrate des Bestands der an Unternehmen und Haushalte vergebenen Kredite sank dagegen von 1,4 auf 1,2 Prozent. „Viel Geld wird aus Sicherheitsgründen geparkt“, sagt Carsten Brzeski, Ökonom der niederländischen Bank ING. Die Banken hätten große Teile der von der EZB bereitgestellten Summen nicht langfristig verliehen, sonder ihre Vorsichtskasse aufgefüllt. Viele große Unternehmen verhielten sich ähnlich, berichtet Brzeski.

          Für viele dieser Unternehmen insbesondere in Nordeuropa gebe es keine Kreditverknappung. Sie hätten mehr als genügend Geld. Weil die Risikoscheu groß sei und es an Anlagemöglichkeiten mangele, würden Investitionen aufgeschoben und das Geld gehortet. Die schwache Konjunktur begünstige dies. Zudem verstärke die Euro-Krise den Hang, möglichst kurzfristige Schuldtitel zu erwerben. Diese Entwicklung lässt sich auch beim Vergleich der Geldmengenaggregate erkennen.

          Die enger gefasste Geldmenge M1, zu der Bargeld und täglich fällige Sichteinlagen zählen, ist in den vergangenen Monaten stärker gestiegen als das längere Laufzeiten umfassende Geldmengenaggregat M3. M1 wachse schneller, da in einem Umfeld niedriger Zinsen und hoher Unsicherheit die Präferenz der Investoren für liquide Anlagen zunehme, sagte EZB-Präsident Mario Draghi Anfang Juli.

          Zuletzt wuchs die Geldmenge M1 mit einer Jahresrate von 4,5 Prozent, während M3 um 3,8 Prozent zulegte. Die Differenz war während der Finanzkrise schon weitaus größer. So lagen die Jahresraten für die enger gefasste Geldmenge M1 in der ersten Jahreshälfte 2010 stets über 10 Prozent, während M3 zugleich schrumpfte.

          „Die Neigung zu liquiden Anlagen und der Niederschlag in der Geldmenge sind eindeutig ein Krisenindikator“, sagt Michael Schubert, Zentralbankfachmann der Commerzbank. Seit etwa einem Jahr sei zu beobachten, dass sich die Geldmenge M3 und die Menge der Verbindlichkeiten mit Laufzeiten von mehr als zwei Jahren in den Bilanzen des Bankensystems auseinanderentwickeln.

          Eine angemessene Rate zu definieren sei kaum möglich

          Zuletzt habe M3 um rund 350 Milliarden Euro über dem Vorjahreswert gelegen, während der Wert der Verbindlichkeiten der Banken mit längeren Laufzeiten als zwei Jahren, die Schubert als Geldkapital bezeichnet, um rund 100 Milliarden Euro unter dem Vorjahreswert lagen.

          Aus dem jüngsten Anstieg der Geldmenge M3 seien noch keine Inflationsrisiken abzulesen, sagt Andreas Rees, Ökonom der italienischen Bank Unicredit. „Die Geldmenge wächst immer noch sehr moderat“, sagt Rees. Eine angemessene und für die Geldwertstabilität verträgliche Rate zu definieren sei kaum möglich. Dafür sei die Geldnachfrage zu instabil. Vor dem Jahr 2007 und dem Beginn der Finanzkrise hätten die Wachstumsraten der Geldmenge M3 regelmäßig bei mehr als 12 Prozent gelegen. Zugleich seien Wachstum und Kreditvergabe stärker gewesen. Heute sei ein Geldmengenwachstum von knapp 4 Prozent zumindest kurzfristig kein Inflationsrisiko, sagt Rees. Erst bei einem erhöhten Kreditmengenwachstum und einer Erholung der Konjunktur werde es dazu kommen.

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