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Ökonomen zur Krise in Europa : Das Schlimmste ist nicht vorüber

Griechenland wird auch im kommenden Jahr in Rezession verharren Bild: dpa

Deutsche Ökonomen widersprechen Äußerungen des EU-Binnenmarktkommissars Barnier, wonach der Höhepunkt der Krise in Europa überwunden sei. Rezession und Schuldenkrise würden sich verschärfen.

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          Deutsche Ökonomen haben skeptisch auf Äußerungen des EU-Binnenmarktkommissars Michel Barnier reagiert, wonach der Höhepunkt der Krise in Europa überwunden sei. „Die Rezession setzt sich in den südeuropäischen Problemländern fort, die Schuldenstände steigen, insofern würde ich nicht sagen, dass das Schlimmste vorbei ist“, sagte Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Auch Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, verwies auf die hartnäckige Rezession und die Kosten der „Euro-Rettung“. „Was die finanziellen Belastungen Deutschlands angeht, so steht das Schlimmste wohl noch bevor.“ Nach einer Berechnung des Ifo-Instituts summieren sich die jüngst vereinbarten Erleichterungen für Griechenland auf einen impliziten Schuldenschnitt zulasten der öffentlichen Gläubiger von 47 Milliarden Euro. Daran sei Deutschland mit knapp 14 Milliarden Euro beteiligt.

          Barnier hatte am Donnerstag vor dem Wirtschaftsrat der CDU in Berlin gesagt, dass die Euro-Länder in der Staatsschuldenkrise das Schlimmste hinter sich hätten. „Ich bin überzeugt, dass wir den Höhepunkt der Krise überwunden haben.“ Das heiße nicht, dass die Krise schon gelöst sei. „Wir sind erst am Anfang der zweiten Halbzeit“, sagte er. Europa und die Euro-Länder hätten aber die richtigen Entscheidungen für Reformen und Regulierungen getroffen. Auch die Finanzmärkte hätten sich schon etwas beruhigt.

          Bofinger: „Eine gewisse Stabilisierung“

          Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung am Kieler Institut für Weltwirtschaft, widersprach: „Auch in der zweiten Halbzeit kann noch viel passieren, Spiele können sogar drehen.“ Die Haushaltskonsolidierung sei eine lange Reise, der Sparwille könne erlahmen. In Griechenland - dessen Schuldenquote sich von 175 Prozent in Richtung 190 Prozent bewegt - sei nur der Zeitpunkt verschoben worden, an dem ein weiterer Schuldenschnitt erfolgen müsse.

          Die Entspannung im Euroraum hält Scheide insofern nur für vorübergehend. „Die Wahrscheinlichkeit für ein Scheitern der Währungsunion ist heute größer als vor zwei Jahren.“ Einige Ökonomen gehen weiter von einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro aus. Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup schätzt die Wahrscheinlichkeit für einen „Grexit“ in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten auf 60 Prozent.

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          Der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrats, Bert Rürup, sagte am Donnerstagabend auf einer Veranstaltung in Frankfurt auf die Frage, ob in der Eurokrise das Schlimmste hinter uns liege: „Wir haben, was die Turbulenzen angeht, das Schlimmste hinter uns. Was die Verpflichtungen Deutschlands zu zahlen angeht, da steht das Schlimmste noch bevor.“

          Die Eurozone werde aber in der gegenwärtigen Form, also mit Griechenland, erhalten bleiben. Das erwartet auch Bofinger. „Die Befürchtung, die es im Sommer gab, dass das Ganze auseinanderfliegt, hat sich gelegt.“ Hauptgrund dafür sei die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB), Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen. Die Zinssätze für die Südeuropäer sanken daraufhin.

          Bofinger verwies auch auf die in einigen Ländern zurückgehenden Target-Salden. „Insofern kann man von einer gewissen Stabilisierung sprechen.“ EZB-Präsident Mario Draghi sagte am Freitag in Paris, das angekündigte Kaufprogramm habe einen „signifikanten Vertrauenseffekt“ gehabt. Ifo-Ökonom Carstensen meint, dass lediglich Zeit gekauft sei. „Die EZB betreibt eine Zwischenfinanzierung für Griechenland und beschädigt damit ihre Glaubwürdigkeit. Ob ihre Politik langfristig gut geht, kann keiner sagen.“

          Schlimmer geht’s immer

          Im Herbst und Winter wird im Euroraum eine Verschärfung der Rezession erwartet. Soeben meldete das Statistikamt Eurostat, dass die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent gestiegen ist. Mehr als 18,7 Millionen Menschen im Euroraum haben keine Erwerbsarbeit. In Griechenland und Spanien ist mehr als jeder Vierte arbeitslos. Griechenland, Portugal, Spanien und Italien werden auch im kommenden Jahr in Rezessionen verharren, die Schuldenquoten werden weiter steigen.

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