https://www.faz.net/-gqe-a8g

Ökonom Volker Wieland : „Der Euro befindet sich nicht in einer Krise“

  • Aktualisiert am

Der Euro hat derzeit viele Sorgenkinder Bild: dpa

Die Öffentlichkeit verwechselt eine Staatsschuldenkrise in einigen Ländern mit einer Währungskrise, sagt Wirtschaftsprofessor Volker Wieland im F.A.Z.-Gespräch. Die Geldpolitik sollte Regeln einhalten und die Geldmenge beobachten.

          Herr Wieland, wie sehen Sie die Lage der Europäischen Währungsunion?

          Der Euro selbst befindet sich nicht in einer Krise. Wäre er in einer Krise, würde die Inflationsrate rapide steigen und der Wert des Euro in ausländischer Währung in den Keller stürzen. Beides ist nicht der Fall. Wir haben eine Krise der Finanzpolitik in mehreren Mitgliedsländern. Allerdings zeigen Meinungsumfragen, dass viele Deutsche aus der Krise der Finanzpolitik in mehreren Ländern auf eine Krise des Euro schließen.

          Warum ist das so?

          Es liegt an der Kommunikation der Politiker, die öffentlich betonen, die Rettungspakete dienten der Sicherung des Euro. Tatsächlich dienen die Rettungspakete der Sicherung der Zahlungsfähigkeit einzelner Staaten. Außerdem schadet der bald zwei Jahre andauernde politische Streit um fehlende Hilfsgelder und Sparbereitschaft und das gegenseitige Vorschriften machen dem Ansehen der Währungsunion.

          Volker Wieland, Professor für Geldtheorie und Geldpolitik in Frankfurt

          Was folgt daraus?

          Meines Erachtens hätte man schon im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Rettungspaket für Griechenland eine Umschuldung vornehmen sollen. Genau dies habe ich auch im Mai 2010 vorgeschlagen. Das wäre zwar unmittelbar härter gewesen, denn die Wertberichtigungen auf griechische Anleihen hätten fraglos auch einige Banken in Schwierigkeiten gebracht, die man mit staatlichen Geldern hätte stützen müssen. Aber dafür wäre Griechenland eher in der Lage gewesen die verbleibenden Schulden zu tilgen. Und auf der politischen Bühne wäre bald wieder Ruhe eingekehrt. Schauen Sie sich doch die aktuelle Situation an: Heute fühlt sich jeder berufen, Griechenland maßzuregeln. Pressekommentatoren bezeichnen Länder in finanziellen Schwierigkeiten als „Pigs“ oder fordern Reparationen für den Zweiten Weltkrieg. Das ist politischer Sprengstoff.

          Die Gegner einer Umschuldung haben immer vor einem Dominoeffekt gewarnt, der andere Mitgliedsländer der Währungsunion erfasst hätte.

          Ich denke, man hat die Auswirkungen eines Dominoeffekts überschätzt. Für systemrelevante Banken, die den Schuldenschnitt bei griechischen Anleihen nicht verkraftet hätten, hätte der Steuerzahler nochmals einstehen müssen. Übrigens, Länder wie Irland und Portugal sind trotz der Rettungsmaßnahmen für Griechenland und den Interventionen der EZB von der Staatsschuldenkrise erfasst worden.

          Und was soll man jetzt tun?

          Es gibt jetzt noch die Möglichkeit, den Privatsektor zu beteiligen. Aber nachdem Regierungen und europäische Institutionen letztes Jahr eine Umschuldung bis 2013 ausgeschlossen haben, habe ich zumindest etwas Verständnis für diejenigen, denen es zu peinlich ist, jetzt schon einzuknicken.Entscheidend ist es für zukünftige Krisen eine Beteiligung des Privatsektors im Rahmen des Europäischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) sicherzustellen.

          Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um eine freiwillige Beteiligung von Gläubigern an einer Laufzeitverlängerung griechischer Staatsanleihen?

          Eine Laufzeitverlängerung ohne Schuldenschnitt oder Zinserlass verändert die Lage Griechenlands nur wenig. Zudem können Bankmanager nicht einfach freiwillig massive Ertragseinschnitte hinnehmen. Sie müssen sich vor den Aktionären verantworten. Der Zweck dieser Maßnahmen ist primär politisch. So soll zumindest etwas auf Kritiker im Bundestag eingegangen werden.

          Müssen als Folge der Finanzkrise die Lehrbücher zur Geldpolitik umgeschrieben werden?

          Man wird sie in Teilen umschreiben müssen. Aber es ist auch nicht so, dass wir in den vergangenen Jahren gänzlich Einzigartiges erlebt haben. Als Mitarbeiter der amerikanischen Zentralbank Fed in den neunziger Jahren habe ich mit meinen Kollegen die Situation in Japan analysiert, als die Zentralbank den Leitzins auf Null senken musste. Schon damals haben wir Strategien für quantitative Lockerungsmaßnahmen, wie zum Beispiel direkte Wertpapierkäufe, entwickelt. Im Zuge der Finanzkrise wurden solche Maßnahmen dann auch in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa umgesetzt.

          Welche Art von Geldpolitik empfehlen Sie?

          Ich halte eine an Regeln orientierte Geldpolitik für wichtig, in der die Zentralbank im Falle von Abweichungen von den Regeln ihr Verhalten begründet.

          An welche Regeln denken Sie?

          Man könnte an eine Taylor-Regel denken...

          ...das ist eine nach ihrem Schöpfer, dem amerikanischen Ökonomen John Taylor, benannte Regel...

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Liveblog zu von-der-Leyen-Wahl : Showdown in Straßburg

          Ursula von der Leyen hält Bewerbungsrede vor EU-Parlament +++ Am Abend stellt sich CDU-Politikerin zur Wahl +++ Mindestens 374 von 747 Stimmen nötig +++ Verfolgen Sie alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.