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Keine Öffnungen in Sicht : „Verhindern, dass unsere Wirtschaft strukturell Schäden nimmt“

Kaum etwas los: Blick in die Hannoveraner Innenstadt Ende Dezember 2020 Bild: dpa

Gewerkschaftsökonom Sebastian Dullien im Gespräch über Kosten wie Notwendigkeit eines längeren Lockdowns – und bei welchen Hilfen womöglich nachgesteuert werden muss.

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          Ihr Institut rechnete zuletzt mit knapp 5 Prozent Wirtschaftswachstum für 2021. Ist das trotz des längeren Lockdowns, der sich jetzt abzeichnet, noch haltbar?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Das hängt vom weiteren Verlauf des Infektionsgeschehens und der tatsächlich Dauer des Lockdowns ab. Ist der Lockdown Ende Januar vorbei, bleibt ein Wachstum von deutlich über 4 Prozent für 2021 weiter realistisch. Wenn sich massive Beschränkungen wesentlich länger hinziehen, wächst die Gefahr von Insolvenzwellen, Arbeitsplatzverlusten und dann einem Abbrechen der Erholung. Darum ist es gerade jetzt so wichtig, die Infektionszahlen schnell und nachhaltig zu senken.

          Wird Deutschland im Frühjahr in die Rezession rutschen?

          Wir gehen derzeit davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2021 schrumpfen wird, nach einer Stagnation im Jahresendquartal. Für das Frühjahrsquartal erwarten wir dann wieder ein kräftiges Plus, weil dann aufgestaute Nachfrage nachgeholt wird, ähnlich wie im Sommer vergangenen Jahres. Das wäre dann nach gängiger Definition keine neue Rezession. Man muss aber beachten, dass auch in einem solchen Szenario die deutsche Wirtschaft noch weiter deutlich unterausgelastet wäre und damit die Lage in vielen Betrieben weiter kritisch sein kann.

          Sebastian Dullien ist Wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK).
          Sebastian Dullien ist Wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). : Bild: dpa

          Die Geschäfte bleiben wohl noch mehrere Wochen geschlossen. Ist das der Todesstoß für viele Einzelhändler?

          Für viele Einzelhändler in den Innenstädten dürfte es schwierig werden, wenn die Bundesregierung mit den Hilfen nicht noch einmal nachlegt. Das dürfte vor allem für jene Zweige gelten, bei denen die Käufe nicht nachgeholt werden oder sich permanent aufs Internet verlagert haben. Hier scheinen besonders die Bekleidungs- und Textilhändler betroffen zu sein. Im März wird niemand Winterkleidung mehr kaufen, gleichzeitig haben viele Menschen in der Pandemie erstmals Kleidung im Internet bestellt und könnten auf Dauer dabei bleiben.

          Muss bei den Hilfen für die Wirtschaft nochmal nachgesteuert werden?

          Bei einer längeren Schließung des Einzelhandels müsste noch einmal überlegt werden, ob die aktuelle Überbrückungshilfe III ausreicht. Hier sollte man auch noch einmal diskutieren, ob nicht stärker die Vermieter von Gewerbeimmobilien an den Lasten beteiligt werden sollten. Auch wäre es wichtig, dass die Regierung schnell den angekündigten Sonderfonds für Kulturveranstaltungen konkretisiert.

          Wie teuer wird es für die Steuerzahler, wenn der Lockdown noch einmal um drei Wochen verlängert wird?

          Wenn man Hilfszahlungen, Steuerausfälle und höhere Ausgaben für Kurzarbeit und Arbeitslosengeld zusammenrechnet, schätze ich, dass man hier mit einem niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag rechnen muss. Angesichts des sehr niedrigen Zinsniveaus und der – auch im Vergleich zur Zeit nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/9 noch recht niedrigem Niveau der Staatsverschuldung ist das nichts, weshalb einem bange werden sollte. Priorität muss jetzt haben, in den hoffentlich letzten Monaten der Pandemie vor Greifen der Impfkampagnen, zu verhindern, dass unsere Wirtschaft strukturell Schäden nimmt. Denn das würde mittel- und langfristig viel teurer.

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