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Ökonom Eichengreen im Interview : „Frau Merkel sollte aufpassen, was sie sagt“

  • Aktualisiert am

„Griechenland aufgeben, nur weil es den deutschen Steuerzahler weniger kostet, das erscheint mir als sehr kurzfristige Politik“ Bild: Roeder, Jan

Ökonom Barry Eichengreen hält ein Nachdenken über die Drachme für gefährlich und fordert im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mehr Opfer von Deutschland.

          Professor Eichengreen, Sie haben einmal gesagt, es sei wahrscheinlicher, dass ein Meteorit den Frankfurter Eurotower trifft, als dass ein Land aus der Euro-Zone austritt. Gilt das noch?

          Dazu zitiere ich den großen Ökonomen John Maynard Keynes. Dem wurde einmal vorgehalten, er rede anders als früher. Keynes antwortete darauf: Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung - was würden Sie denn tun? Trotzdem: Ich gehe im Moment nach wie vor davon aus, dass Griechenland im Euro bleibt.

          Laut Angela Merkel ist die EU "gewappnet" für einen Euro-Austritt Griechenlands. Das klingt doch eher nach Abschied.

          Ich hoffe nicht. Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro ist etwas, wogegen man sich nicht vollständig wappnen kann. Die Folgen hätten enormes zerstörerisches Potential. Frau Merkel sollte aufpassen, was sie sagt.

          Warum so heftig?

          Lassen Sie mich so viel sagen: Frau Merkel sollte sich an den September des Jahres 1992 erinnern. Damals beschwor der Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger mit einer unbedachten Bemerkung zur Lira ein Chaos herauf, das fast zum Einsturz des Europäischen Währungssystems führte.

          Schlesinger sagte damals, mit einer Abwertung der italienischen Lira seien nicht alle Probleme des Währungssystems gelöst. Alle dachten ans britische Pfund - und dessen Kurs stürzte ab. Was hat das mit dem Euro zu tun?

          In Krisenzeiten sollte man seine Worte sorgfältig wägen. Frau Merkels Kommentare geben jedenfalls keinen Anlass zur Hoffnung.

          Warum?

          Es gibt eine Veränderung der Rhetorik. Die Euro-Staaten sagen nicht mehr: Die Währungsunion gilt immer und ewig, und wir werden alles dafür tun, damit sie funktioniert.

          Was für Signale empfangen Sie stattdessen vom alten Kontinent?

          Nun heißt es von den Euro-Staaten: Griechenland soll tun, was es nicht lassen kann. Das ist eine andere Botschaft als bisher. Es ist ein Signal, das, höflich ausgedrückt, nicht gerade zur Stabilität beiträgt. Was Frau Merkel gesagt hat, war vielleicht dazu geeignet, die Wähler in Deutschland ruhig zu stellen. Aus Sicht der Märkte war es schlichtweg gefährlich.

          Und das Chaos, das die Griechen verursachen, ist nicht gefährlich?

          Klar ist: Bei einem Austritt Griechenlands aus dem Euro würde das Chaos zunächst noch größer. Kurzfristig würde das Land in eine noch tiefere Rezession schlittern. Was bliebe, wäre die Hoffnung, dass Griechenland mit einer Abwertung seiner neuen Währung seine Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen könnte - irgendwann in der Zukunft.

          Aber die anderen Euroländer hätten ein Problem weniger?

          Mitnichten. Auch im Euroraum gäbe es Chaos, weil alle fragen würden: Wer ist der Nächste? Die EU-Institutionen wären in Gefahr und könnten destabilisiert werden. Und ich bin nicht wirklich davon überzeugt, dass Deutschland in solch einer chaotischen Situation eine Insel der Prosperität darstellen würde.

          Wäre es nach dem abschreckenden Beispiel eines Euro-Rauswurfs nicht leichter für die Regierungen der anderen Länder, Sparprogramme durchzusetzen?

          Sie wollen also Griechenland foltern, um Italien zu retten? Das scheint mir kein Zukunftspfad für Europa zu sein.

          Aber Länder wie Deutschland verlören nicht solch gewaltige Summen wie bei einer Endlosrettung.

          Ich bin ein großer Fan des Marshallplans. Versetzen Sie sich mal in die Lage der Vereinigten Staaten im Jahr 1947. Amerika hätte sagen können: Deutschland und Europa sind uns egal. Der Kongress hätte gegen den Marshallplan stimmen und sagen können: Das kostet uns zu viele Steuer-Dollars. Es ist offensichtlich, dass eine solche Politik sehr kurzsichtig gewesen wäre.

          Aber Athen ist doch nicht ausgebombt wie Köln anno 1945!

          Der Euro ist nun mal da, er existiert! Europa existiert! Beides, der Euro und Europa, müssen jetzt funktionsfähig gemacht werden. Griechenland aufgeben, die europäische Idee aufgeben, nur weil es den deutschen Steuerzahler weniger kostet? Das erscheint mir als eine sehr kurzsichtige Politik.

          Die Mehrheit der Deutschen sieht das anders.

          Wenn wir eine Zeitmaschine hätten und zurück ins Jahr 1999 reisen könnten, dann würde ich Ihnen zustimmen: Vielleicht wäre der Euroraum ohne Griechenland besser dran gewesen. Vielleicht wäre Deutschland besser dran gewesen in einer kleineren Währungsunion von wirtschaftlich starken Staaten aus dem nördlichen Europa. Aber die Geschichte dreht sich nun mal nicht zurück. Das sind hypothetische Fragen. Die Politik, die nun gemacht werden muss, findet in der Wirklichkeit statt.

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