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Ökonom Eichengreen : „Deutschland könnte D-Mark wieder einführen“

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„Die Gläubiger müssen an den Rettungsaktionen beteiligt werden - auch die Banken”: Barry Eichengreen lehrt an der Universität Berkeley Bild: Jan Roeder / F.A.Z.

Deutschland könnte zu seiner alten Währung zurückkehren, „ohne sich damit eine schwere Finanzkrise einzubrocken“, glaubt der Ökonom Barry Eichengreen. Im Interview erläutert er, warum er trotzdem nicht an einen Euro-Austritt glaubt.

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          Professor Eichengreen, an allen Enden von Europa kriselt es. Geht der Euro jetzt den Bach runter?

          Ich glaube, der Euro überlebt! Ich habe 2007 untersucht, unter welchen Umständen Länder aus dem Euro zu ihrer alten Währung von der Drachme bis zur D-Mark zurückkehren könnten. Eine nette akademische Überlegung - es ist aber praktisch unmöglich.

          Ihre These war damals: Ein Austritt aus der Währungsunion ist weniger wahrscheinlich als ein Meteorit-Einschlag im Frankfurter Eurotower. Ist die Wahrscheinlichkeit mittlerweile gestiegen?

          Minimal. Heute würde ich sagen: Die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens beider Ereignisse ist ungefähr gleich hoch.

          Was macht Sie da so sicher?

          Ein Krisenland an der Peripherie Europas müsste verrückt sein, aus dem Euro auszutreten. Es würde in seinen Grenzen den größten Banken-Sturm aller Zeiten auslösen. Die Menschen würden - nicht ganz zu Unrecht - befürchten, dass ihr Geld mit der neuen Währung drastisch an Wert verlieren könnte. Und für die Schulden des Landes würde es nichts bringen: Die wären ja weiter in Euro notiert.

          Es gäbe eine andere Möglichkeit. Eines der starken Länder wie Deutschland könnte aus dem Euro austreten - um nicht andauernd andere Länder retten zu müssen.

          Das ist sicher die wichtigere Frage. Deutschland ist eines der Länder, die - zumindest in der Theorie - ihre alte Währung wieder einführen könnten, ohne sich damit eine schwere Finanzkrise einzubrocken.

          Was würde denn passieren, wenn Deutschland aus Frust über den Euro und die Rettungsaktionen die D-Mark wieder einführt?

          Immerhin würde in Deutschland niemand glauben, dass die „Neue D-Mark“ eine Weichwährung würde. Es würde aber Europa um 50 Jahre in der Geschichte zurückwerfen - die gesamte europäische Einigung würde revidiert. Ich glaube aber nicht, dass das passiert. Das ist doch unvorstellbar.

          Unvorstellbar war bis vor kurzem vieles. Oder haben Sie etwa damit gerechnet, was in Griechenland und in Irland passiert ist?

          Nicht quantitativ, aber qualitativ.

          Soll heißen?

          Niemand hat exakt vorhersagen können, wie groß die Probleme an Europas Peripherie werden. Aber eine ganze Reihe von Ökonomen, mich eingeschlossen, haben Ende 2009 gewarnt, dass es mit den Schulden dieser Länder auf Dauer nicht so weitergehen kann. Trotzdem war natürlich jeder überrascht, wie ernst die Haushaltslage in Griechenland war. Und jeder, einschließlich der irischen Regierung selbst, war erstaunt, wie groß das Loch im irischen Bankensystem ist.

          Glauben Sie, die anderen europäischen Länder wären in der Lage, Portugal und Spanien auch noch zu retten?

          Ja, ich glaube schon, dass Europa das schaffen würde. Portugal wäre der Dritte eines Trios kleiner europäischer Krisenländer, deren Bruttoinlandsprodukt jeweils weniger als drei Prozent des Einkommens der Eurozone ausmacht.

          Spanien ist ein ganz anderer Brocken.

          Spanien ist um einiges größer. Seine Rettung würde um einiges schwieriger - und natürlich auch teurer. Ich bin aber überzeugt, Europa würde auch das schaffen - allerdings nur, wenn man die Rettung endlich richtig angeht.

          Richtig retten ist schwer?

          Auf jeden Fall! Ich glaube nicht, dass die ersten beiden Rettungsaktionen, Griechenland und Irland, vernünftig gemacht wurden. In Spanien müsste es besser gemacht werden, sonst klappt es nicht.

          Was war falsch?

          Das Prinzip der Rettungsaktionen ist bislang: Man packt auf die alten Schulden einfach neue Schulden drauf. So kann das nicht funktionieren. Teil jeder Rettungsaktion muss eine Restrukturierung der Schulden sein, eine Umschuldung.

          Was heißt das?

          Auch die Gläubiger, die Besitzer der Anleihen von Banken und Staaten, müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Bislang verlangen die Politiker in Deutschland und in den anderen Geberländern immer, dass die Krisenstaaten ihre Löhne, Gehälter und Pensionen senken. Das ist so etwas wie eine "reale Abwertung". Wirklich abwerten können die Krisenländer ihre Währung ja nicht, weil sie zum Euro gehören. Diese reale Abwertung löst die Probleme der Krisenländer nicht, wenn nicht auch die Schulden abgewertet werden.

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