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Niedergang einer Branche : Prokon und die grüne Trümmerlandschaft

Die Sonne scheint: aber nicht für die grüne Branche Bild: dpa

Der Niedergang von Solar- und Windkraftfirmen ruft Erinnerungen an einen Neuen Markt wach. Der Verfall der Branche ist erstaunlich, weil die Förder-Beiträge von Jahr zu Jahr steigen.

          Das Telefon von Thomas Mai steht nicht mehr still. Der Finanzfachmann der Verbraucherzentrale Bremen bekommt im Minutentakt Anrufe von Gläubigern des Windkraftanlagenfinanzierers Prokon, der am Mittwoch Insolvenz anmelden musste. „Gerade hatte ich jemanden am Apparat, der 200.000 Euro investiert hat“, sagt Mai. Der Selbständige habe die Genussrechtsanteile für sicher gehalten. „Und er wollte der Umwelt etwas Gutes tun“, sagt der Verbraucherschützer. Die Prokon Regenerative Energien GmbH hatte mit dem Versprechen von bis zu 8 Prozent Rendite 1,4 Milliarden Euro eingesammelt. 75.000 Anleger sind der Versuchung erlegen. Wie viel Geld sie wiedersehen werden, ist unklar.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens ist der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Serie von Fehlschlägen auf dem Markt für erneuerbare Energien. Die von der Politik mit Subventionsmilliarden angeschobene Energiewende bringt immer mehr Verlierer hervor. Betroffen sind Hunderttausende Bürger: Kleinanleger, die ihr Geld in vermeintlich sicheren Mittelstandsanleihen oder Aktien versenkt haben, aber auch Solar- und Windkraftunternehmer und deren Mitarbeiter. Selbst global agierende Konzerne wie Siemens und Bosch mussten die Scherben der grünen Trümmerlandschaft zusammenkehren.

          Der Frankfurter Rechtsanwalt Klaus Nieding, der nach eigenen Angaben etwa 30.000 Anleiheinhaber in einschlägigen Insolvenzverfahren vertritt, vergleicht den Niedergang mit dem Zusammenbruch auf dem Neuen Markt zur Jahrtausendwende. „Auch damals gab es charismatische Gründer, die erfolgreich auf Anlegerfang gegangen sind“, sagt Nieding. Doch dann platzte die Blase. Allein für seine Mandanten ständen nun mehr als 500 Millionen Euro auf dem Spiel, schätzt er.

          Förder-Beiträge steigen jährlich

          Einer dieser „charismatischen Gründer“ ist Frank Asbeck, der Vorstandsvorsitzende des Bonner Photovoltaikkonzerns Solarworld. Er wurde einst als „Sonnenkönig“ gefeiert, doch im vergangenen August schlitterte seine Aktiengesellschaft haarscharf an der Insolvenz vorbei. Und das auf Kosten der Gläubiger. Sie verzichteten auf Forderungen in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro. Härter traf es die zum Teil mit Subventionen groß gewordenen Solarunternehmen Solon, Q-Cells, Conergy und Solar Millennium, die allesamt in den vergangenen Jahren Insolvenz angemeldet haben. Von den 15 seit dem Jahr 2010 geplatzten Anleihen mittelständischer deutscher Emittenten kamen 11 aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Bis zur allerletzten Sekunde versuchten manche Gründer und Geschäftsführer dabei, den Eindruck zu erwecken, ihr Unternehmen habe alles im Griff. Noch Anfang September etwa dementierte Willi Balz, der Gründer des Windparkentwicklers Windreich GmbH, die Existenz eines Insolvenzantrags. Der Offenbarungseid folgte eine Woche später.

          Der Niedergang der Branche ist erstaunlich, weil die Beträge, die in die Förderung erneuerbarer Energien fließen, von Jahr zu Jahr steigen. 2013 zahlte jeder Bürger 240 Euro im Jahr für die EEG-Umlage. Die Umlage, die Betreiber von Photovoltaik-, Windkraft- und Biogasanlagen für ihre Ökostromlieferungen kassieren, summierte sich auf fast 20 Milliarden Euro. Doch während Haus- und Grundstücksbesitzer, viele Handwerksbetriebe sowie dank höherer Steuereinnahmen auch der Bund profitieren, geht Unternehmen und deren Finanziers die Luft aus.

          „Viele wollten in der Branche das schnelle Geld machen“

          Von dem vielbeschworenen „grünen Beschäftigungswunder“ kann deshalb kaum die Rede sein. In der Herstellung von Solarzellen und -modulen arbeiteten in Deutschland Mitte 2013 weniger als 6000 Menschen. Chinesische Solarunternehmen, die zu geringeren Kosten produzieren können, haben der deutschen Konkurrenz den Rang abgelaufen.

          Die internationale Konkurrenz ist aber nur ein Grund für die Misere. „Viele wollten in der Branche das schnelle Geld machen. Makler und Finanzberater haben Anleger in die Branche gelockt, in der es überhaupt keine Erfahrungswerte gab“, kritisiert Johannes Lackmann, der Geschäftsführer des Windkraftprojektierers Westfalenwind und Ökostrom-Investor der ersten Stunde. Die von der Politik vorangetriebene Energiewende habe Sicherheit suggeriert. „Das hat die Menschen leichtgläubig gemacht, viele Unternehmen haben das ausgenutzt“, sagt Lackmann. Anwalt Nieding prangert an, mit dem grünen Gewissen der Anleger sei Schindluder getrieben worden. „Die Politik hätte viel eher reagieren müssen.“

          Die Verbände der Erneuerbare-Energien-Branche warnten dagegen am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung vor dem Eindruck, Anlageprodukte ihrer Mitgliedsunternehmen seien generell risikoreich. Ein Ende des Niedergangs erwarten Verbraucherschützer und Anlegeranwälte dennoch nicht. „Wir werden noch weitere Insolvenzen erleben“, prognostiziert Anwalt Nieding.

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