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Nahrungsmittel : Hunger im Überfluß

Bild: F.A.Z.

Brot, Wurst, Käse - jede zweite deutsche Frau und zwei von drei Männern essen hierzulande zuviel davon. Auf der anderen Seite der Erdkugel existiert der Hunger. Dabei gibt es mehr als genug Nahrungsmittel.

          3 Min.

          Brot, Wurst, Käse - jede zweite deutsche Frau und zwei von drei Männern essen hierzulande zuviel davon. Sie sind zu dick. Auch wenn sie Unmengen von Lebensmitteln wegschmeißen, weil sie die Hälse längst voll haben. Wieviel das sind, weiß keiner so genau. Es ist nicht meßbar und auch kein appetitliches Thema.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auf der anderen Seite der Erdkugel existiert der Hunger - im Überfluß. Dabei müßte das nicht sein. Die Erde gibt mehr als genug her, daß alle davon satt werden könnten. Es werden insgesamt so viel Lebensmittel produziert, daß die Welt damit 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Hunger und Verschwendung, Nahrungsmittelknappheit und Lebensmittelüberschüsse - das ist das Thema des österreichischen Dokumentarfilms „We feed the World“, der gerade auch hierzulande in den Kinos angelaufen ist und wie schon vorher in der Alpenrepublik aller Unappetitlichkeit zum Trotz großen Zulauf hat.

          Entwicklungshilfe hat versagt

          Warum schafft die Welt es immer noch nicht, alle ihre Menschen zu ernähren - obwohl sie Nahrungsmittel im Überfluß produziert? Nach den Zahlen der Welternährungsorganisation FAO hungern 852 Millionen Menschen auf der Welt. Mehr noch: Während die Ernährungsindustrie immer neue Produktivitätsrekorde erzielt, geht es den Hungernden gleichwohl nicht substantiell besser.

          Die Entwicklungshilfe hat weitgehend versagt. Mehr als 2 Billionen Dollar hat der Westen in den vergangenen 50 Jahren für Entwicklungshilfe ausgegeben. Und wenig hat es für die Hunger- und Armutsbekämpfung gebracht. Schlimmer noch: Die Hilfe ist vielerorts zur Falle mutiert und hat die Entwicklungsländer in eine verheerende Abhängigkeit getrieben.

          Die „grüne Revolution“ hat sie überrollt

          „Die Entwicklungsländer sind Nahrungsmittelimporteure geworden“, sagt der Berliner Agrarökonom Harald von Witzke. Das war nicht immer so. Noch in den 60er Jahren wiesen die Länder einen Exportüberschuß auf. Heute wenden sie zusammengenommen 11 Milliarden Dollar auf, um Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt einzukaufen - mit steigender Tendenz. Witzke sagt: „Die Bevölkerung wird ausschließlich in den Entwicklungsländern wachsen. Weil diese Länder nicht in der Lage sind, genügend Nahrungsmittel zu produzieren, werden sie gezwungen sein, in 15 Jahren für 50 Milliarden Dollar auf dem Weltmarkt einzukaufen.“ Überfluß und Hunger würden weiter auseinanderklaffen.

          Die Gründe für die Abhängigkeit der armen Länder liegen nicht nur in der Entwicklungshilfe. Sie liegen in den gigantischen Produktivitätsfortschritten westlicher Nahrungsmittelproduktion, die die Preise über Jahre haben sinken lassen. Die armen Länder kamen nicht mit, die „grüne Revolution“ der 60er und 70er Jahre hat sie schlicht überrollt. Mehr als billige Arbeitskräfte konnten sie nicht bieten, wo doch die Nahrungsmittelproduktion ein kapital- und wissensintensives Geschäft geworden ist und billige Arbeitskräfte und ein günstiges Klima allein keine Vorteile mehr sind. Billige Produkte auf dem Weltmarkt haben die Anreize für die armen Länder erhöht, sich dort zu versorgen. Die eigene Landwirtschaft verloren sie aus dem Blick. Die milliardenschweren Subventionen des Westens taten ein übriges dazu, die Weltmarktpreise zu drücken. Der eigentliche Grund für die Misere sind sie nicht.

          Die Lösung liegt bei den Ländern selbst

          Hunger und Überfluß - das sind Parallelprobleme. Aber leider ist es nicht so einfach, daß nur die Reichen weniger essen müßten, damit die Armen nicht mehr hungern. „Zwar schätzt die Weltgesundheitsorganisation, daß es weltweit mit über 1 Milliarde Übergewichtigen und Fettleibigen mehr Dicke als Hungernde gibt“, sagt der ehemalige Beigeordnete FAO-Generaldirektor und Wissenschaftler Hartwig de Haen, „aber die Bekämpfung der Übergewichtigkeit wird den Hunger nicht beseitigen.“ Das heißt: Weniger Verschwendung von Lebensmitteln in den Industrienationen hilft den Ärmsten der Armen noch lange nicht.

          Die Lösung des Paradoxons vom Hunger im Überfluß liegt vor allem in den Ländern selbst. „Die Entwicklungsländer müssen die wirtschaftliche Kraft entwickeln, damit sie jene 50 Milliarden Dollar in Zukunft werden bezahlen können, die sie brauchen, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen“, sagt Witzke. Oder: Sie müssen sich in einem ersten Schritt aus der Klammer des Westens lösen. „Die Entwicklungsländer sollten versuchen, nicht mehr so stark von Nahrungsimporten aus den reichen Ländern abhängig zu sein“, sagt de Haen. Davon aber sind die ärmsten Länder weiter denn je entfernt. „Bei den 49 am wenigsten entwickelten Ländern reichen die Exporte von Kaffee, Kakao und Zucker nicht mehr aus, um die Einfuhr von Getreide, Fleisch und Milch zu bezahlen.“

          Investitionen in die Landwirtschaft

          Die Folgen, die die Ökonomen sehen, sind verheerend: eine sich immer schneller drehende Spirale in höhere Verschuldung und schließlich Nahrungsmittelhilfen, die wiederum die Abhängigkeit erhöhen. Dabei klingt die Lösung des Problems allzu plausibel. „Das Potential der armen Länder in der Landwirtschaft muß viel stärker genutzt werden“, sagt de Haen. „Das ist die Grundvoraussetzung für die Hungerbekämpfung.“

          Inzwischen sei erwiesen, daß die Investitionen in die Infrastruktur für die Landwirtschaft den höchsten Effekt beim Armutsabbau erzielen“, sagt der ehemalige FAO-Direktor. Hier sollten Entwicklungshilfe und die Entwicklungsländer ansetzen. Doch passiert ist bislang leider das Gegenteil. Die Entwicklungsländer haben sich um ihre Bauern nicht gekümmert.

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