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Nach Herabstufungen : Kritik an Rating-Agenturen wächst

Die drei Großen der Branche: Fitch, Standard & Poor's und Moody's Bild: dpa

Griechenland, Portugal, Spanien - nachdem die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit mehrerer Schuldenstaaten herabgestuft haben, geraten sie selbst wieder unter Beschuss. Kritiker fordern einmal mehr, ihre Macht zu beschneiden.

          Nachdem sie in dieser Woche die Kreditwürdigkeit der EU-Staaten Griechenland, Portugal und Spanien herabgestuft und damit die Nervosität der Anleger erhöht haben, wächst die Kritik an den drei dominierenden privaten angelsächsischen Rating-Agenturen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach sich dafür aus, eine unabhängige europäische Behörde für die Bewertung von Bonitäten aufzubauen, um Interessenskonflikte künftig zu vermeiden. Aus der Finanzkrise sei die Lehre zu ziehen, dass die EU „der Tätigkeit von Rating-Agenturen eigene Bemühungen“ entgegensetze. „Rating-Agenturen dürfen nicht gleichzeitig Finanzprodukte entwickeln, vertreiben und bewerten“, sagte Westerwelle.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Agenturen wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch prüfen die Kreditwürdigkeit von Schuldnern. Sie versuchen mit Ratings wie „AAA“ oder „BB“ die Wahrscheinlichkeit zu prognostizieren, mit der ein Staat oder ein Unternehmen seine Schulden zurückzahlt. Die Prüfung der Schuldnerqualität zahlt der Geprüfte. Dies weckt Zweifel an der Objektivität der Rating-Agenturen – zuletzt in der Finanzkrise. In den Jahren 2006 und 2007 hatten Banken zweifelhafte Kredite vom amerikanischen Immobilienmarkt (Subprime) zu immer raffinierteren Wertpapieren gebündelt. Die Agenturen erteilten oft die Bestnote „AAA“.

          E-Mails aber zeigen, dass einigen Kreditprüfern durchaus bewusst war, dass diese Bewertungen oft nicht angemessen waren. Offensichtlich aber hatten die Agenturen ein Interesse daran, mit guten Ratings Anleger in die Papiere zu locken. Damit, so ihre Kritiker, animierten die Agenturen die Banken, neue strukturierte Wertpapiere aufzulegen. Dann erhielten sie den Auftrag zur Risikobewertung. Mit steigenden Zahlungsausfällen aber waren die Agenturen dann gezwungen, manchmal an einem Tag die Ratings von hunderten Wertpapieren um mehrere Notenstufen zu senken.

          Kritik an den Agenturen, sie hätten zu früh, zu spät oder zu deutlich eine Bonitätsnote verändert, gab es auch früher schon. Die Unzufriedenheit mit den Prüfern liegt allerdings auch ein Stück weit in der Natur der Sache. Gerade schlechte Bonitätsnoten sind für einen Anleiheemittenten unangenehm, weil sie höhere Renditeforderungen der Anleger nach sich ziehen. Jüngstes Beispiel ist Griechenland, dessen Bonitätsnote von S&P am Dienstag gleich um drei Stufen auf „BB+/B“ gesenkt wurde und sich nun – im Anlegerjargon gesprochen – auf „Ramsch-Niveau befindet.

          Trotz aller Kritik an Bezahlung und Urteilsfähigkeit der Rating-Agenturen vertrauen allerdings viele Anleger ihren Kreditnoten. Manche Fonds haben sich freiwillig auferlegt, nur Anleihen zu kaufen, die von den Agenturen mindestens mit „BBB-“ (Investmentgrade) bewertet werden. Deshalb müssen sie nun, in der Regel binnen sechs Monaten, ihre Griechenland-Anleihen verkaufen. Banken dürfen bei ihren Anlagen zwar auf ihr eigenes Urteil vertrauen. Sie dürfen beliebig viele europäische Staatsanleihen von einem Land kaufen. Die Bonitätsnoten der Rating-Agenturen haben gleichwohl auch Einfluss auf sie. Denn an den Noten bemisst sich zumindest für Großbanken nach „Basel II“, wie viel Eigenkapital sie vorhalten müssen. Nach der Herabstufung Griechenlands müssen die Banken für griechische Staatsanleihen nun ein Vielfaches an Eigenkapital vorhalten als zuvor. Da Eigenkapital knapp und teuer ist, werden griechische Anleihen schon deshalb für diese Anleger unattraktiver.

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