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Nach dem EU-Gipfel : Das Endspiel um den Euro

Die nackte Angst beherrschte den EU-Sondergipfel: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy Bild:

In der Not opfert die Europäische Union heilige Prinzipien der Währungsunion. Ob das die Finanzmärkte beeindruckt, zeigt sich erst am Montag früh. Es geht längst nicht mehr um die Griechen, es geht um den Euro als solchen.

          Spätestens am frühen Samstagmorgen erhält Helmut Kohls alte Behauptung, der Euro sei eine Frage von Krieg und Frieden, eine neue Bedeutung. Es ist der Moment, in dem Nicolas Sarkozy das Wort von der „Generalmobilmachung“ in den Mund nimmt. Endlich seien alle Institutionen des Euro-Raums – die Europäische Zentralbank (EZB) inklusive – bereit, „ohne Gnade gegen die Spekulation zu kämpfen“, ruft der französische Staatspräsident mit martialischer Geste aus – und lässt keinen Zweifel daran, wie der oberste Feldherr in dieser Schlacht heißt: Sarkozy.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Ursprünglich sollten die Staats- und Regierungschefs des Euro-Raums bei ihrem Brüsseler Sondergipfel am Freitagabend „nur“ das in seinen Details schon feststehende Kreditpaket für Griechenland endgültig beschließen und ein wenig darüber reden, was aus der Griechenland-Krise mittel- und langfristig zu lernen sei. Doch je länger sich das Treffen hinzieht, desto klarer wird: Es geht längst nicht mehr um die Griechen, es geht um den Euro als solchen.

          Angesichts immer neuer Gerüchte über abgesprochene Attacken amerikanischer und asiatischer Fonds auf den Euro, angesichts stetig steigender Risikoaufschläge für portugiesische und spanische Staatsanleihen beherrscht die nackte Angst das Treffen.

          Je später der Abend wird, desto mehr erinnert das Treffen an die Krisengipfel auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Herbst 2008 – zumal es eine weitere Parallele gibt: Sarkozy inszeniert sich als oberster Krisenmanager. Der Franzose kann den Triumph in der Stimme kaum zurückhalten, als er berichtet, er sei wegen der „Attacke auf den Euro“ lang vor Beginn des Treffens nach Brüssel gekommen, um – in dieser Reihenfolge – mit EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, den Regierungschefs von Italien, Spanien und Portugal und schließlich mit Angela Merkel zu sprechen.

          Von deutschen Vorstellungen bleibt wenig übrig

          Jean-Claude Juncker, der Chef der Euro-Gruppe, wird in die Einzelgespräche nicht eingebunden. Die Gerüchte, er habe mit der Bundeskanzlerin gestritten, weist Sarkozy zurück. Die habe in den vergangenen Monaten ein paar innenpolitische Probleme gehabt, aber sie sei sich jetzt mit ihm ganz einig.

          Wichtig seien die Ergebnisse: Endlich gebe es eine „veritable Wirtschaftsregierung im Euro-Raum“. In der Tat: Sarkozy hat erreicht, was er immer wollte: dass die grundlegenden Entscheidungen im Euro-Raum von den „Chefs“ der Euro-Staaten getroffen werden. Wer fragt da noch nach der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank? Die Investoren rechnen längst damit, dass die EZB auf Druck der Politik Milliarden Staatsanleihen aus der Euro-Problemzone aufkauft – bis vor kurzem eine abenteuerliche Vorstellung.

          Während Sarkozy stolz verkündet, die Notbeschlüsse gingen „zu 95 Prozent“ auf französische Vorstellungen zurück, verschwindet Angela Merkel, einst eiserne Kanzlerin, durch den Hinterausgang. Auch sie hat in dieser historischen Nacht einem Beschluss zugestimmt, der in seinen Folgen deutlich über die Griechenland-Hilfen hinausgeht: Von deutschen Vorstellungen einer auf Stabilitätsprinzipien aufgebauten Währungsunion bleibt wenig übrig. Wohl um dies zu kaschieren, enthält jeder der drei dürren Merkel-Sätze, die sie in die Mikrofone spricht, die Formulierung „Stabilität des Euro“.

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