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Möglicher Austritt aus dem Euro : Szenarien für ein Ausscheiden Griechenlands

  • -Aktualisiert am

Griechenland und der Euro: Eine Trennung wäre schwer Bild: dapd

Noch spricht viel dafür, dass die Griechen den Euro behalten. Weder sie noch andere Regierungen dürfte ein Austritt interessieren. Aber was geschieht, wenn sich das Blatt wendet?

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          Die Bundesregierung beteuert, dass sie Griechenland im Euro halten will. Zugleich weist Finanzminister Wolfgang Schäuble jedoch darauf hin, dass der Euroraum viel besser auf ein Ausscheiden Griechenlands vorbereitet wäre als noch vor zwei Jahren. Auf die Frage, ob Europa gerüstet sei, sagte Schäuble der „Rheinischen Post“: „Die Ansteckungsgefahren für andere Länder sind geringer geworden, und die Eurozone ist insgesamt widerstandsfähiger geworden.“ Wenn der Reformweg verlassen werden sollte, sei die Auszahlung weiterer Hilfen nicht möglich, warnte Außenminister Guido Westerwelle. Und Bankenpräsident Michael Kemmer bezeichnete in einem Radiointerview einen Austritt Griechenlands als verkraftbar. „Die unmittelbaren Auswirkungen wären begrenzt“, sagte Kemmer.

          Doch wie genau könnte es überhaupt dazu kommen, dass Griechenland den Euro verlassen muss? Sollte das Land die vertraglich zugesagten Reform- und Sparschritte nicht vollziehen, könnte die sogenannte Troika aus Vertretern von Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds die Auszahlung der nächsten Kredittranche im Juni verweigern. Das gilt zwar keineswegs als ausgemacht, da es bei den Auflagen einen Ermessensspielraum gibt, auf den die Griechen spekulieren. Doch sollte der Kredit tatsächlich verweigert werden, wäre der griechische Staat binnen Tagen zahlungsunfähig.

          Der Zahlungsverkehr käme zunächst zum Erliegen

          Das wäre jedoch noch nicht unmittelbar mit dem Ausscheiden aus der Währungsunion verbunden. Aber in einem solchen Szenario müsste der Rat der EZB sofort die regulären Finanzierungsgeschäfte mit griechischen Banken beenden, da diese wegen ihrer dann uneinbringbaren Forderungen gegen den griechischen Staat offenkundig insolvent wären. Notenbanker halten diesen Schritt in einem solchen Fall für zwangsläufig. Denn derzeit werden einige griechische Banken trotz negativen Eigenkapitals nur deshalb am Leben erhalten, weil sie Aussicht auf Kapitalspritzen vom griechischen Staat haben.

          Etwas mehr Ermessensspielraum könnte es bei den Notkrediten geben, die von der griechischen Notenbank auf eigenes Risiko vergeben werden. Hier müsste der Rat mit einer Zweidrittelmehrheit die weitere Vergabe untersagen. Allerdings gibt es für die „Emergence Liquidity Assistance“ oder kurz ELA genannten Kredite keine Regelung im Statut der EZB. Sollte jedoch auch diese Finanzierungsquelle verschlossen werden, wären die griechischen Banken sogleich zahlungsunfähig, weil die griechische Notenbank dann mit sofortiger Wirkung keinen Kredit mehr geben und keine Banknoten mehr ausliefern dürfte. Möglicherweise würden die Banken noch in den Stunden vor dem Beschluss alles daransetzen, um an möglichst viel Bargeld zu kommen. Danach geht aber nichts mehr.

          In der Folge wäre damit zu rechnen, dass sämtliche Auszahlungen der Banken am Schalter und per Automat gestoppt würden. Auch der Zahlungsverkehr käme zunächst zum Erliegen. Da dieser Zustand schwere wirtschaftliche Schäden mit sich bringt, wäre Griechenland gezwungen, eine eigene Währung einzuführen, um die Geldwirtschaft wieder in Gang zu setzen.

          Sicher ist nur, dass die Verwerfungen für Wirtschaft enorm wären

          Wie groß die zu erwartenden Verwerfungen dann wären, hängt davon ab, wie die Umstellung organisiert würde. Da neues Bargeld nicht schnell genug verfügbar wäre, würde Griechenland möglicherweise nur das Buchgeld auf die neue Währung umstellen. Gezahlt würde zunächst weiter mit Euro. Deshalb müsste innerhalb kürzester Zeit ein Umtauschverhältnis für die alten Guthaben und Verbindlichkeiten in Euro relativ zur neuen Währung festgelegt werden.

          Sehr viel hinge dann davon ab, dass dieses Verhältnis weise gewählt würde. Denn würde die Abwertung der neuen Währung gegenüber dem Euro gering sein, wären zwar die unmittelbar erkennbaren Verluste für die Sparer geringer. Doch dann hätten die Hellenen sofort Schwierigkeiten, an Euro oder andere Devisen zu kommen, um die notwendigen Einfuhren etwa von Öl oder Nahrung zu bezahlen. Leichter wäre es mit einer scharfen Abwertung, möglicherweise unter den fundamentalen Wert der neuen Währung. Denn dann würden sich rasch neue Kreditgeber finden, die auf eine Aufwertung spekulieren könnten. Allerdings wären bei einer scharfen Abwertung umso größere Unruhen zu erwarten.

          Denkbar wäre auch, dass eine griechische Regierung in dieser schwierigen Situation Schulden bei den Banken stärker abwerten würde als die Guthaben der Sparer. So hat es Argentinien bei seinem Bankrott vor rund zehn Jahren getan. Ein solcher Schritt verschleiert die Kosten und kann den Aufruhr dämpfen. Weil die Verluste der Banken dann ihr Eigenkapital aufzehren würden, könnte ihnen erlaubt werden, ihr Geschäft mit negativem Eigenkapital fortzuführen. Sicher ist nur, dass die Verwerfungen für die griechische und die gesamte Weltwirtschaft enorm wären. Noch gibt es jedoch viele Gründe, dass Griechenland der Verbleib im Euroraum gelingen kann.

          Totalausfall kostet Deutschlands Steuerzahler bis zu 80 Milliarden Euro

          Den deutschen Steuerzahlern drohen im Fall eines griechischen Bankrotts und eines Euro-Austritts gewaltige Verluste, wenn die Rettungshilfen abzuschreiben wären. Nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts können sich die Belastungen auf 80 Milliarden Euro summieren. Der Finanzwissenschaftler Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) errechnet sogar eine noch höhere potentielle Ausfallsumme. Nicht nur die Rückzahlung der bisherigen Hilfskredite wäre gefährdet, sondern auch Papiere im Besitz der Europäischen Zentralbank sowie Sicherheiten von griechischen Banken.

          Zum ersten Hilfspaket für Griechenland von 110 Milliarden Euro hat Deutschland über die KfW-Bank einen Anteil von gut 16 Milliarden beigesteuert. Vom zweiten Hilfspaket sind nach Ifo-Rechnung bisher über den Rettungsfonds EFSF knapp 73 Milliarden Euro ausgezahlt worden – jüngst trotz der Unsicherheit über den Fortgang des Reform- und Sparkurses 4,2 Milliarden Euro. Deutschlands Anteil am zweiten Hilfspaket für Griechenland beträgt bislang etwas mehr als 20 Milliarden Euro.

          Auch die Europäische Zentralbank (EZB) käme in Nöte, wenn Athens Schuldtitel wertlos würden, denn sie hat für geschätzte 45 Milliarden Euro Papiere erworben. Der Anteil der Deutschen Bundesbank daran liegt gemäß ihrer EZB-Kapitalquote bei gut 12 Milliarden Euro. Sie würde durch die Abschreibungen vermutlich über Jahre keine Gewinne mehr ausweisen.

          Ein hochumstrittenes Thema sind die Forderungen der Bundesbank im Zahlungsverkehrssystem Target 2. Griechenland hat inzwischen Target-Verbindlichkeiten von 105 Milliarden Euro angehäuft, weil sich die klammen Banken nur noch über das Eurosystem frisches Geld besorgen können. Dafür müssen sie Sicherheiten hinterlegen, die zu einem erheblichen Abschlag beliehen werden. Doch Ökonomen bezweifeln, dass die Sicherheiten im Fall eines griechischen Bankrotts und Euro-Austritts ausreichend Wert besäßen. „Wie mit den Target-Salden im Ernstfall umgegangen wird, muss dann verhandelt werden“, sagte IfW-Ökonom Boysen-Hogrefe. Es sei zu hoffen, dass nach einer vorübergehenden Zahlungseinstellung Athens später doch noch Schuldentilgungen möglich wären, was die Belastung für die Steuerzahler verringern würde.

          Der Hamburger Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, ein scharfer Kritiker der bisherigen Euro-Rettungspolitik, sagte: „Wir haben in Griechenland schon jetzt sehr viel Geld versenkt. Diese Tatsache würde durch einen eventuellen Euro-Austritt nicht verschlimmert.“ Es bestehe sogar die Möglichkeit, dass sich Griechenland nach einer Abwertung wirtschaftlich besser entwickle und seine Schulden eher bedienen könne. (ppl.)

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