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Mittelschicht in Irland : Jetzt zahlen sie bar

Dublin, Irland: Das Neue an dieser Rezession ist, dass es dieses Mal die Akademiker erwischt Bild: AFP

In keinem Eurokrisenland sind die Bürger so hoch verschuldet wie in Irland. Immer mehr können ihre Raten nicht zahlen. In der Mittelschicht macht sich die Angst vor dem Absturz breit.

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          Die Rasenflächen sind gepflegt, die Hecken sauber gestutzt. In den gekiesten Einfahrten parken hinter schmiedeeisernen Gartentoren deutsche Oberklasselimousinen. Malahide sieht aus wie eine Oase bürgerlichen Wohlstands in der Wüste der irischen Wirtschaftskrise. In dem Vorort von Dublin lässt es sich gut leben. Hier wohnen Ärzte, Architekten, leitende Angestellte. Es gibt einen Yachthafen, einen Cricketclub und vier Golfplätze in der Umgebung. An manchen Wochenenden verkauft die Mutter des U2-Gitarristen The Edge unten an der Uferpromenade ihre selbstgemalten Bilder.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im frisch renovierten Grand Hotel am Ende der Hauptstraße von Malahide sitzt der Psychologe Mark Harrold in seinem Polstersessel und sagt, das alles sei nur noch Fassade. Dahinter hat sich die Angst vor dem Absturz breitgemacht, die Furcht, dass Irlands Schuldenkrise das ganze Idyll von Malahide verschlingen könnte. „Das Neue an dieser Rezession ist, dass es dieses Mal die Akademiker erwischt“, sagt Harrold. Er ist Anfang fünfzig und hat fast sein ganzes Leben in dem Küstenort verbracht.

          Wasser bis zum Hals

          Malahide ist in Irland überall. Gemessen am Einkommen, zählen die Iren noch immer zu den wohlhabenden Europäern. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Kein anderes Eurokrisenland ist so stark verschuldet wie Irland. Das Beratungsunternehmen McKinsey schätzt allein die privaten Verbindlichkeiten der 4,6 Millionen Einwohner auf rund 190 Milliarden Euro. In Relation zum Einkommen gesetzt, ist ihre Verschuldung damit um die Hälfte höher als in Spanien, doppelt so hoch wie in Griechenland und fast dreimal so hoch wie in Italien.

          Vielen Iren steht heute das Wasser bis zum Hals. Die drastisch gestiegene Arbeitslosigkeit hat sich tief in die Mitte der Gesellschaft hineingefressen. Bei der staatlichen Schuldnerberatung haben sich die Anrufe verdreifacht. „Früher suchten vor allem sozial Schwache Rat, heute brauchen immer mehr Bürger aus der Mittelschicht Hilfe“, sagt der Jurist Paul Joyce vom Rechtshilfeservice FLAC in Dublin. Wie die Stimmung im Land ist, lässt sich auch an der Bestsellerliste der irischen Buchhändler ablesen: „Depressionen überwinden“, heißt einer der derzeit meistverkauften Titel. Noch nie wurden in Irland so viele Suizidfälle gezählt wie heute.

          Depressionen und Suizidvorbeugung

          In Malahide kamen Selbstmorde früher praktisch nicht vor. Jetzt schon. Nachdem vor zwei Jahren die Finanzkrise mit voller Wucht über Irland hereingebrochen war, gab es hier binnen weniger Monate drei Fälle von Selbsttötungen, darunter ein bekannter Zahnarzt. „Das hat uns alle geschockt. Diesen Mann kannten viele, er war beliebt und hatte eine tolle Frau, drei wunderbare Kinder, war Mitglied im Tennisclub“, sagt Mark Harrold, der Psychologe. In den Wochen nach dem Todesfall bekam er immer wieder Anrufe von Ehefrauen, die befürchteten, auch ihr Mann werde sich etwas antun.

          Proteste in Irland: In Relation zum Einkommen ist die Verschuldung um die Hälfte höher als in Spanien

          Gemeinsam mit seiner Kollegin Alison Rooney organisiert Harrold heute ehrenamtlich Abendkurse für „Stresskontrolle“. Eigentlich gehe es in ihren Vorträgen um Depressionen und Suizidvorbeugung, sagt Harrold, aber es sei zu abschreckend, wenn man das so in die Einladung schreibe. „Wir dachten, vielleicht kriegen wir 30 Leute zusammen“, erzählt Rooney. Stattdessen kamen gut 200 Besucher. „Wir mussten in einen größeren Saal ausweichen, die Leute standen bis auf den Flur.“ Im April wollen sie eine zweite Vortragsreihe beginnen.

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