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F.A.Z. exklusiv : Mehr Auszubildende in der Pflege – trotz Corona

Ein Krankenpflegeschüler misst Blutdruck: Die Zahl der Auszubildenden im Pflegebereich steigt. Bild: Heike Lyding

Entgegen aller Erwartungen gewinnt die Pflege in der Pandemie mehr Nachwuchs, zeigt ein bislang unveröffentlichter Bericht. Und es gibt noch mehr gute Nachrichten.

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          Trotz der enormen Belastungen in der Corona-Pandemie haben im vergangenen Jahr noch einmal mehr Menschen eine Ausbildung in der Pflege begonnen als in den Jahren zuvor. Das geht aus einem noch unveröffentlichten Beitragsentwurf zum zweiten Bericht der Konzertierten Aktion Pflege der Bundesregierung hervor, der der F.A.Z. vorliegt und auf ersten, vorläufigen Zahlen der Bundesländer basiert. Demnach sind 2020 rund 57.200 Auszubildende in die neue, generalistische Pflegeausbildung gestartet, die drei bisher eigenständige Ausbildungsgänge vereint: die Kranken-, die Kinderkranken- und die Altenpflege. 2019 hatten rund 56­.110 Menschen eine dieser drei Ausbildungen begonnen. Auch wenn der Vergleich auf verschiedenen Statistiken basiert, zeigt sich also – wie schon in den Vorjahren – ein recht deutlicher Anstieg.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Bemerkenswert ist diese Entwicklung aus zwei Gründen. Zum einen, weil Pflegekräfte in der Pandemie zwar viel Applaus bekommen haben, zugleich aber auch die schwierigen Arbeitsbedingungen und die enorme körperliche wie psychische Belastung in diesem Beruf immer wieder thematisiert wurden – ebenso wie der Frust von Pflegerinnen und Pflegern, dass sich daran auch durch die Krise nichts geändert habe. Zum anderen, weil die duale Berufsausbildung insgesamt stark unter der Pandemie gelitten hat. Dem Statistischen Bundesamt zufolge wurden 2020 nur noch rund 465.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, mehr als 9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Eine große Hürde dabei war, dass kaum Berufsberatung stattfinden konnte, was auch für die Pflegeberufe zutrifft.

          Mehr Pfleger, weniger Abbrecher

          Der Bericht, erstellt vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das beim Bundesfamilienministerium angesiedelt ist, wertet den Start in die generalistische Pflegeausbildung denn auch als Erfolg: In den Pflegefachberufen zeige sich gegen den allgemeinen Trend eine kontinuierliche Steigerung der Ausbildungszahlen, die sich 2020 fortgesetzt habe. Zwar sei damit zu rechnen, dass sich die Daten noch ändern, da sie zum Teil noch nicht von den statistischen Landesämtern geprüft seien – „ohne dass sich jedoch deshalb das Gesamtbild noch entscheidend ändern dürfte“.

          Darüber hinaus liefert der Bericht erste Hinweise zu den Abbrecherquoten. Der Deutsche Pflegerat hatte Anfang des Jahres gewarnt, wegen der herausfordernden Erfahrungen während der praktischen Einsätze in den Pflegeheimen und Krankenhäusern würden die Auszubildenden immer öfter vor Abschluss des Examens abbrechen. In dem Bericht heißt es nun, belastbare Zahlen lägen noch nicht vor. Setze man die Ausbildungseintritte ins Verhältnis zu den Bestandszahlen Ende 2020, ergebe sich aber eine mögliche Abbruchquote von 6,5 Prozent. Damit bewege sie sich einer ersten Einschätzung zufolge auf dem Niveau der dualen Berufsausbildungen.

          Eine Umfrage der F.A.Z. unter großen Trägern von Pflegeschulen und ihren Verbänden stützt den Eindruck, dass es bisher aufgrund der Pandemie nicht zu überdurchschnittlich vielen Ausbildungsabbrüchen gekommen ist. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft etwa teilt mit, die Quote belaufe sich auf rund 11 Prozent und sei „absolut vergleichbar“ mit den Vorjahren. Auch der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste, bei dem jede dritte Pflegeeinrichtung in Deutschland Mitglied ist, hat von den Schulen keine Hinweise, dass die Abbruchquoten deutlich gestiegen sein könnten.

          Ähnliche Rückmeldungen kommen von der AWO, der Caritas und dem Deutschen Roten Kreuz mit seinen immerhin 29 Pflegeschulen. Die AWO berichtet zwar, dass einzelnen Pflegeschulen zufolge die Zahl derer, die ihre Ausbildung abbrechen, geringfügig gestiegen sei. Dabei könne die gestiegene Personalnot eine Rolle gespielt haben, auch die Konfrontation mit der Isolation und dem Tod. Andere hätten ihre Ausbildung wegen des Homeschoolings hingegen leichter fortführen können. „In der Summe kam es zu keiner signifikanten Steigerung der Ausbildungsabbrüche.“

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          Ein vergleichbares Bild zeigt sich bei großen Krankenhausketten wie den Helios-Kliniken mit ebenfalls 29 Pflegeschulen, die nach eigener Aussage aktuell so viele Pflegekräfte ausbilden wie noch nie. Auch die Asklepios-Kliniken, die in Hamburg ein großes Bildungszentrum für Gesundheitsberufe mit rund 1000 Azubis in Pflegeberufen betreiben, geben an: Es gebe keine merklich negative Veränderung bei den Ausbildungsabbrüchen. Dafür freue man sich über rund 12 Prozent mehr Bewerber.

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