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„Deutlich besser als gedacht“ : Die deutsche Wirtschaft erholt sich – mehr Nachfrage aus China

Stahlarbeiter in China: In Fernost hat der Aufschwung schon deutlich früher eingesetzt. Bild: dpa

Die Stimmung unter deutschen Managern bessert sich merklich, sogar in der Industrie. Ökonomen warnen aber vor zu viel Optimismus.

          2 Min.

          Das Geschäftsklima hat sich im Juli deutlich aufgehellt. Für Deutschland stieg das am Freitag veröffentlichte Barometer des Londoner Markit-Instituts auf ein 23-Monatshoch. Der Index basiert auf der monatlichen Befragung von 1000 Einkaufsmanagern aller Branchen und gilt als wichtiger Indikator für die konjunkturelle Entwicklung.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Erholung vom Wirtschaftseinbruch nimmt damit weiter Fahrt auf. Im März und April war der Markit-Index regelrecht abgestürzt bis auf 17,4 Zähler; von einem „beispiellosen Kollaps der Wirtschaftsaktivitäten“ war damals die Rede, der den Einbruch in der Finanzkrise von 2008 deutlich übertraf.

          Von Mai an ging es dann aber wieder nach oben. Im Juni notierte das Barometer bei 47 Zählern, nun sind es 55,5 Zähler. Die 50-Punkte-Schwelle, die eine Zunahme der Wirtschaftsleistung signalisiert, ist damit übersprungen.

          Die Ergebnisse lägen „deutlich über den Erwartungen“, kommentierte Markit-Ökonom Phil Smith. Das zeige, dass es mit der deutschen Wirtschaft wieder aufwärts gehe und die Nachfrage mehr und mehr in Schwung komme. Vor allem das verbesserte Geschäftsklima in der exportabhängigen deutschen Industrie, die ganz besonders unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise ächzt, mache Mut. Zumal das Einkaufsmanager-Barometer für den Euroraum ebenfalls kräftig stieg.

          Amerika hängt hinterher

          Tatsächlich vermeldeten nicht nur die primär binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungsunternehmen eine bessere Stimmung im Juli, sondern stieg auch das Industriebarometer auf 53,2 Punkte. Selbst die Industrieproduktion erreicht in der Markit-Erhebung nun wieder 50 Punkte. Die Ökonomen verweisen auf solide Zuwächse beim Neugeschäft, wo die Industrie sogar Spitzenreiter sei.

          Erstmals seit September 2018 weise ihr Auftragseingang wieder ein Plus aus, das noch dazu so hoch ausfalle wie zuletzt vor knapp zweieinhalb Jahren. Kräftig zugelegt hätten auch die Exportneuaufträge. „Wie die Hersteller berichteten, zog vor allem die Nachfrage aus China stark an und auch aus Europa gab es positive Signale“, heißt es in einer Mitteilung des Instituts. 

          Dieser Ansicht sind auch andere Ökonomen. In China gebe es eine „gewaltige Erholung“ und auch in allen Volkswirtschaften Westeuropas, zusammengenommen der wichtigste Absatzmarkt der deutschen Wirtschaft, sei die Erholung deutlich, sagte Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, zu FAZ.NET. Die von der Corona-Pandemie immer noch hart getroffenen Vereinigten Staaten hängen zwar hinterher. Sie seien aber die Ausnahme, nicht die Regel. 

          Beschleunigter Stellenabbau

          Im laufenden, dritten Quartal dürfte die Wirtschaft im gesamten Euroraum nach Einschätzung der Commerzbank-Ökonomen wieder deutlich wachsen. Doch der Einbruch vom zweiten Quartal dürfte nur teilweise wettgemacht werden. Voraussichtlich 2022 werde das Vorkrisenniveau erst wieder erreicht. So brauche es unter anderem Zeit, die gestörten Lieferketten umzubauen. Hinzu kommen die gestiegene Arbeitslosigkeit und die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Europa.

          „Einkaufsmanagerindizes signalisieren Wachstum – Rezession ist beendet“, titelte auch die in Liechtenstein ansässige VP Bank am Freitag in einem Kommentar. Zugleich betonte Chefökonom Thomas Gitzel, dass die spürbare Stimmungsverbesserung nicht darüber hinwegtäuschen dürfe, dass die tatsächliche Lage durchaus noch kritisch ist.

          „Wir dürfen nicht vergessen, viele Sektoren – wie etwa der Automobilbau – waren bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie angeschlagen“, sagte Gitzel. Viele Unternehmen dürften im März mit dem Schlimmsten gerechnet haben und seien nun schon über kleine Verbesserungen froh. Gerade auch deshalb würden wichtige Konjunkturfrühbarometer in die Höhe schießen.   

          Und auch Markit-Ökonom Smith sieht im Arbeitsmarkt und den anhaltenden Stellenstreichungen, insbesondere in der Industrie, nach wie vor eines der Hauptprobleme. Im Juli habe sich der Stellenabbau sogar nochmals leicht beschleunigt – wenngleich die stabilisierten Auftragsbestände und die verbesserten Geschäftsaussichten die Hoffnung nährten, dass sich der Stellenabbau in der Industrie in den nächsten Monaten verlangsamt.

          Am kommenden Donnerstag (30. Juli) veröffentlicht das Statistische Bundesamt seine erste Schnellschätzung für das deutsche Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal.

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