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Mario Draghi vor Sprung an EZB-Spitze : Ohne Fürsprache von Berlusconi

Den Arm schon um den Nachfolger: Mario Draghi (l) mit Jean-Claude Trichet Bild: dapd

Der Italiener Mario Draghi steht kurz vor der Ernennung zum nächsten Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Der italienischen Politik hat er dies aber nicht zu verdanken, schon gar nicht irgendeiner Fürsprache von Silvio Berlusconi.

          In Italien war Mario Draghi bisher ein Mahner für beherzte Reformen. Nun steht der 63 Jahre alte Notenbankchef kurz vor der offiziellen Ernennung zum nächsten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Der italienischen Politik hat er dies allerdings nicht zu verdanken, schon gar nicht irgendeiner Fürsprache der Regierung von Silvio Berlusconi. Denn sowohl Berlusconi als auch sein Schatzminister Giulio Tremonti hatten lange Zeit nur auf Anfrage von Journalisten eine laue Formel hervorgebracht, dass man sich auf jeden Fall freue, wenn ein Italiener zum Chef der Europäischen Zentralbank ernannt werde.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Draghi ist mit seinen Reden immer weit von der Rhetorik der gegenwärtigen Regierung Berlusconi entfernt gewesen, und mit seinem Auftreten hebt sich der italienische Notenbankgouverneur generell von den geschwätzigen italienischen Politikern ab. Keine werbenden, wortreichen Auftritte, schon gar nicht irgendwelche wohlfeilen Versprechungen einer glänzenden wirtschaftlichen Zukunft kommen von ihm. Draghi hat zwar mehr Auftritte in der Öffentlichkeit absolviert als frühere Notenbankgouverneure, die sich manchmal nur zwei- oder dreimal im Jahr vor das Publikum wagten. Aber er weiß, dass gerade Zentralbanker ihre Worte nicht inflationieren dürfen, wenn ihre Meinung Gewicht behalten soll.

          In seinen acht Auftritten seit Jahresanfang in Italien konzentrierte sich Draghi zudem immer auf die wenigen Themen, für die er sich als Notenbankgouverneur berufen fühlte: die Unabhängigkeit der Notenbank, die in Italien vor 30 Jahren vorsichtige Anfänge fand, die Zukunft des Euro, die Stabilitätskultur in Italien, Globalisierung und Wirtschaftspolitik. Zuletzt ließ er in der Banca d’Italia eine Konferenz organisieren zum Thema „Welche Strukturreformen braucht Italien?“ und gab dazu gleich die Marschrichtung vor: Die Italiener müssten sich sorgen, denn Wachstumsschwäche erdrücke die Chancen für Innovationen, entmutige die Jungen und sei ein besonderes Problem für ein Land, das der Überalterung entgegengehe und zudem noch hohe Schulden aufgetürmt habe. Mit Blick auf Europa sagt Draghi zudem immer wieder, die Währungsunion habe nur eine Zukunft, wenn alle Mitgliedsländer wieder mehr Wachstum vorweisen können und dafür auch Reformen durchsetzen.

          Doktorarbeit bei den Nobelpreisträgern Solow und Modigliani

          Mit seinen Mahnungen gerade an die italienischen Politiker, die er seit seinem Amtsantritt als Notenbankgouverneur Ende 2005 direkt und knapp formuliert, folgt Mario Draghi der Tradition der wichtigen italienischen Notenbankgouverneure. Sie konnten nicht wie ihre Kollegen der Bundesbank mit unliebsamen Zinserhöhungen ihre Unabhängigkeit beweisen, weil sie in der Geldpolitik jahrzehntelang von den jeweiligen Regierungen abhängig waren. Umso mehr musste die manchmal schmerzhaft erlebte Machtlosigkeit kompensiert werden, zum einen mit der – früher – auf Lebenszeit ausgesprochenen Ernennung des Notenbankgouverneurs, der viele der wackeligen Regierungen überdauern konnte, zum anderen mit der Fachkompetenz, die eine strenge Auswahl unter den besten Ökonomen Italiens mit sich brachte.

          Zwar hat Draghi seine Berufslaufbahn nicht in der italienischen Notenbank begonnen, doch wurde er bei seiner Ernennung von den italienischen Notenbankern mit Erleichterung als einer der Ihren aufgenommen. Draghi ist zwar Sohn eines italienischen Zentralbankers, hatte aber zunächst eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, einschließlich einer Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology bei den Nobelpreisträgern Robert Solow und Franco Modigliani.

          Der junge Wirtschaftsprofessor wurde bald als italienischer Vertreter zur Weltbank geschickt. Nach seiner Rückkehr kam er mit einem Beratervertrag in die Banca d’Italia und wurde vom damaligen Notenbankgouverneur Carlo Azeglio Ciampi 1991 an den Schatzminister empfohlen. Dieses Amt verwaltete damals der hoch angesehene, aber machtlose ehemalige Notenbankgouverneur Guido Carli, der schließlich Draghi zu seinem „Sherpa“ für die Verhandlungen über den Vertrag zur Währungsunion machte, zudem auch zum Generaldirektor des Schatzministeriums. Draghi zeigte dabei Machtinstinkt und Durchhaltevermögen bei der Führung und beim Umbau des wichtigsten italienischen Ministeriums. Zur bevorstehenden Wahl des neuen EZB-Präsidenten sagte er vor wenigen Wochen: „Dafür gibt es kein Bewerbungsverfahren. Am Ende wird einfach der ausgewählt, dem man am meisten Vertrauen entgegenbringt.“

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