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Hotel Mama in Amerika : Das Land der Nesthocker

Typisch amerikanisch: Daheim das Holzhaus mit Veranda, und drinnen kochen die Eltern. Bild: Getty

„Boomerang Kids“ heißen die jungen Menschen, die zu ihren Eltern zurückziehen. Sie werden immer zahlreicher. Und die Männer haben daran Schuld.

          Mit Ende 20 bei der Mutter leben, das hatte für Kate Bigam den Geschmack des Scheiterns. „Eine solche Person wollte ich wirklich nicht sein.“ Und wieso auch zurückziehen in dieses heimatliche Nest namens Kent im ruralen Bundesstaat Ohio? Sie hatte schließlich eine richtige Vollzeitstelle in Washington, DC, als Kommunikationsspezialistin in einer sozialen Organisation.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Und die Bezahlung war im Vergleich zu dem, was in dem Metier gezahlt wurde, anständig. Nur: Das Geld reichte nicht zum guten Leben, auf jeden Fall nicht in Washington. Sie bezahlte 1400 Dollar Monatsmiete für eine kleine Wohnung mit einem Fenster. Das war weit mehr als die Hälfte ihres Gehalts.

          Konsequenterweise verbrachte sie ihre trüben Abende damit, Nudeln zu essen und auf Netflix Filme zu schauen. Für Bars und fürs Kino reichte das Geld nicht. Sie hatte die Rückzahlung ihres Studiendarlehens in Höhe von 8000 Dollar unterbrochen, und auf ihrer Kreditkarte türmten sich 2000 Dollar Schulden. Nach einem Besuch in der alten Heimat beschloss Kate Bigam zwei Monate nach ihrem 30. Geburtstag, zu ihrer Mutter zurück nach Kent, 40 Meilen südlich von Cleveland, zu ziehen.

          Die Zahl von Boomerang Kids und Nesthocker sind deutlich gestiegen

          Die Amerikaner haben ein Wort für junge Erwachsene wie Kate Bigam erfunden: Boomerang Kids, Kinder, die zu ihren Eltern zurückziehen. Es sind viele, manche ziehen sogar mehr als einmal zurück, immer dann, wenn ein Plan oder eine Beziehung geplatzt ist. Zu den Boomerang Kids kommen die Nesthocker, ein Begriff, für den es im Amerikanischen bisher keine Entsprechung gibt, obwohl sie langsam nötig wäre angesichts der Masse.

          Das sind jene Kinder, die immer bei ihren Eltern geblieben sind, obwohl sie längst die Schwelle zum Erwachsensein überschritten haben. Boomerang Kids und Nesthocker bilden zusammen eine soziale Gruppe, die in den letzten Jahren in bemerkenswerter Geschwindigkeit gewachsen ist.

          Aus der Not heraus zurück ins „Hotel Mama“

          2014 war das Jahr, in dem Kate Bigam zu ihrer Mutter zurückgezogen ist, und es war das Jahr, in dem das renommierte Forschungsinstitut Pew Research feststellte, dass erstmals seit 130 Jahren mehr junge Erwachsene in der Altersgruppe zwischen 18 und 34 Jahren bei ihren Eltern wohnten statt mit Partnern in eigenen Haushalten. Das Jahr markiert damit einen Meilenstein.

          Knapp ein Drittel (32,1 Prozent) der jungen Erwachsenen lebte 2014 im alten Zuhause. Etwas weniger (31,6 Prozent) hatte mit einem Partner einen eigenen Haushalt gegründet. Zum ersten Mal seit 1880 ist damit das eigenverantwortliche Zusammenleben mit einem Partner nicht mehr das üblichste Lebensarrangement für junge Erwachsene. Noch 1960 lebten zwei Drittel der jungen Amerikaner mit dem (Ehe-)Partner im eigenen Haushalt und nur einen Minderheit von einem Fünftel bei den Eltern.

          Klar, man kennt das aus Südeuropa, wo arbeitslose junge Leute Unterschlupf im „Hotel Mama“ suchen. Die traditionellen Vorstellungen vom familiären Zusammenleben begünstigten den Trend, und die ökonomischen Umstände der letzten Jahre lieferten zumindest keinen Anreiz, davon abzugehen.

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