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Leitzins auf 1,25 Prozent : EZB startet Zinswende

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Erstmals seit Beginn der Finanzkrise erhöht die Europäische Zentralbank den Leitzins. EZB-Präsident Trichet warnt vor Inflation. Die europäischen Währungshüter leiten die Zinswende schneller ein als ihre Kollegen in Amerika, Japan und Großbritannien.

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          Die Zeit extrem billigen Geldes neigt sich im Euroraum dem Ende entgegen. Nach einer Zinspause von fast zwei Jahren hat die Europäische Zentralbank am Donnerstag ihren Leitzins von 1 auf 1,25 Prozent erhöht. Das ist die erste Zinserhöhung seit Juli 2008. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte, der Rat der Zentralbank werde die aufwärtsgerichteten Inflationsrisiken „sehr genau verfolgen“. Die EZB werde alles Notwendige tun, um ihr Ziel der Preisniveaustabilität zu erreichen. Das schütze vor allem die Ärmsten der Gesellschaft, die von Inflation am härtesten getroffen würden. Mit seinen Erläuterungen signalisierte Trichet nach Einschätzung von Fachleuten weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr. Zugleich ließ er jedoch den Zeitpunkt für den nächsten Schritt offen.

          Die Bank von England ließ ihren Leitzins trotz einer Inflationsrate von 4,4 Prozent am Donnerstag mit 0,5 Prozent unverändert. Auch die Bank von Japan änderte den Zins von 0,1 Prozent nicht. Die dänische Zentralbank, deren Währung an den Euro gekoppelt ist, folgte der EZB und erhöhte ihren Leitzins um 0,25 Punkte auf 1,3 Prozent.

          Auf die von fast allen Banken erwartete Zinserhöhung der EZB reagierten die Kapitalmärkte gelassen. Der Euro legte leicht zu. Auf dem Geldmarkt festigte sich die Erwartung, dass die Zentralbank in diesem Jahr noch zwei weitere Zinsschritte auf dann 1,75 Prozent folgen lässt. Trichet betonte zwar, der Rat habe nicht beschlossen, dass der Zinsschritt der Auftakt zu einer Serie von Zinserhöhungen ist, was darauf schließen lässt, dass zunächst eine Zinspause bis zum Sommer folgt. Aber die Betonung der Inflationsrisiken deutet darauf hin, dass dann weitere Zinsschritte folgen können.

          Banken finanzschwacher Euro-Staaten gelten nicht als kreditwürdig

          „Die Geldpolitik ist immer noch konjunkturstimulierend“, sagte Trichet. Ursache des Inflationsdrucks seien vor allem die gestiegenen Preise für Öl und andere Rohstoffe. Zudem könnten das starke Wirtschaftswachstum der Schwellenländer und die weltweit reichlich verfügbare Liquidität einen weiteren Anstieg der Rohstoffpreise begünstigen.

          „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass inflationäre Zweitrundeneffekte verhindert werden“, sagte Trichet nach dem Zinsbeschluss. Solche Zweitrundeneffekte treten zum Beispiel auf, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften auf die gestiegene Inflation reagieren und höhere Löhne vereinbaren. Auf die Frage, ob zum Beispiel der Lohnabschluss in der deutschen Chemieindustrie ein solcher Zweitrundeneffekt sei, sagte Trichet, niemand solle glaube, dass die EZB die derzeitige Inflationsrate von 2,6 Prozent oder irgendeine andere oberhalb des Inflationsziels von knapp 2 Prozent auf Dauer hinnehmen werde. Wenn Tarifabschlüsse oder andere Preissetzungen auf solchen Fehlannahmen basierten, dann seien es Zweitrundeneffekte. Die EZB werde mit ihrer Geldpolitik darauf reagieren. Die Zentralbank beobachtet die Zweitrundeneffekte so genau, weil sie einen sich selbst verstärkenden Inflationsprozess befürchtet. Es sei von großer Bedeutung, dass die Inflationserwartungen fest verankert blieben, sagte er.

          Der Rat erhöhte neben dem Leitzins auch die Zinsen für die Einlagen der Banken auf 0,5 und für die Spitzenrefinanzierungen (Kredite über Nacht an die Banken) auf 2 Prozent. Damit verzichtete der EZB-Rat auf eine Normalisierung der Zinsspanne, die seit Mai 2009 auf 1,5 Prozentpunkte verringert ist. Trichet räumte aber ein, dass der Rat über eine Normalisierung und Ausweitung auf zwei Prozentpunkte diskutiert habe.

          Viele Marktteilnehmer hatten erwartet, dass die EZB eine Lösung für die „abhängigen Banken“ präsentieren würde. Vor allem die Banken der finanzschwachen Euro-Staaten gelten bei der Konkurrenz nicht als kreditwürdig. Deshalb müssen sie sich überwiegend direkt bei der Notenbank finanzieren. Erwartet war, dass die EZB dies limitieren würde, um einen zusätzlichen Anreiz für die Stärkung des Kapitals zu geben. Trichet sagte jedoch auch auf Nachfrage dazu nichts.

          Höchster Leitzins zuvor im Oktober 2000

          Der EZB-Leitzins, zu dem sich die Geschäftsbanken bei den Zentralbanken mit flüssigen Mitteln versorgen, startete mit der Einführung des Euro als Buchgeld am 1. Januar 1999 in einer Höhe von 3,0 Prozent. Bis Oktober 2000 stieg er in mehreren Schritten auf den bisherigen Höchststand von 4,75 Prozent.

          Ab Mai 2001 sank der von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgesetzte Hauptrefinanzierungssatz für den Euroraum wieder. Zum Zeitpunkt der Einführung des Euro als Bargeld am 1. Januar 2002 lag der Leitzins bei 3,25 Prozent. Bis Juni 2003 sank er auf den Satz von 2,0 Prozent, wo er zweieinhalb Jahre lang verharrte.

          Im Dezember 2005 begann ein neuer Zyklus, der bis auf 4,25 Prozent ab Juli 2008 führte. Die Wirtschaftskrise veranlasste die EZB zu einer schnellen Senkung ab Oktober 2008; einmal - im Dezember 2008 - sogar um den unter Experten als dramatisch eingeschätzten Schritt von 0,75 Prozentpunkten, von 3,25 Prozent auf 2,5 Prozent, binnen nur eines Monats. In vier weiteren Schritten erreichte der Leitzins am 13. Mai 2009 sein bisheriges historisches Tief von 1,0 Prozent.

          dapd

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