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Leben mit dem drohenden Grexit : „Ich wünsche mir unsere Politiker im Gefängnis“

  • -Aktualisiert am

Generation ohne Hoffnung? Nicht nur die Kreativität junger Griechen sei in der Vernichtung begriffen, schreibt Elina Makri. Bild: Reuters

Mit dem Referendum missbraucht die Regierung Tsipras Griechenland, sagt eine 33 Jahre alte griechische Unternehmerin – für FAZ.NET berichtet sie von der Schockstarre ihrer Generation und der Hoffnung auf eine ganz bestimmte Parallele zur antiken Tragödie.

          Noch nie in meinem Leben gingen mir die Worte einer griechischen Tragödie so sehr unter die Haut: „Glücklich, wer lebend kein Unheil auskosten musste! Denn wem Götter Haus und Familie zum Wanken erst brachten, den schont das Verderben nicht mehr, bis zu Kindern und Enkeln“.

          Stellen Sie sich vor, dass Sie für einige Zeit mit mir leben: Ich gehöre der Generation junger Griechen an. Ich bin 33 Jahre alt, hier aufgewachsen und habe dann für einige Jahre in verschiedenen EU-Staaten studiert, aber Athen ist meine Heimat. Ich bin nicht arbeitslos, ganz im Gegenteil fehlt mir die Zeit, um all meine Projekte zu verwirklichen. Ich bin die Verkörperung dessen, was Ihnen genau nicht einfällt, wenn Sie sich einen jungen Griechen (oder Südländer) vorstellen, allerdings fällt es mir derzeit ziemlich schwer, hier kreativ zu sein. Ich habe mir die Umstände nicht ausgesucht, vielmehr wurde ich durch sie überrascht. Kurz gesagt verlangt man von mir, dass ich mich entschuldige und den Preis für die Fehler der älteren Generation zahle. Große Fehler, große Schulden. Die falschen Leute, um ein Land zu führen.

          Mir mangelt es an ausreichenden Informationen darüber, wie jene Politiker an die Macht gekommen sind und wie sie weniger Einfluss auf mein Leben haben werden, sogar wenn sie ins Gefängnis kommen, was ich mir von ganzem Herzen wünsche. Als Deutsche wissen Sie, wie sich das anfühlt. Unrecht, Schande und Schuld der früheren Generation, für die man geradestehen muss.

          Jetzt ist Griechenland an der Reihe. Welche Möglichkeiten habe ich? Ich kann ganz neu anfangen, ansonsten bin ich in schmerzhaften Bedingungen gefangen, die – um es ganz deutlich zu sagen – Kreativität und Wohlstand vernichten. Letzte Woche habe ich ein Unternehmen aufgelöst, eine Entscheidung, die ich schon vor über sechs Monaten getroffen hatte, weil die Steuerlast und der ständige Druck es nicht mehr wert waren. Außerdem bin ich erstarrt, während andere einen Neuanfang planen.        

          Das Leben an den Rändern Europas

          Für einen Moment zoome ich heraus. Ich merke, wie mein Land und seine Gesellschaft seit Jahren unter genauer Beobachtung stehen, mit permanenter Kritik, die immer und immer wieder geäußert wird. Ich spüre, wie jede Leistung überwacht und beurteilt wird. Ich frage mich die ganze Zeit: Was in aller Welt ist so anders gelaufen in dieser kleinen mediterranen Ecke, in der drei Kontinente aufeinandertreffen? Griechen glauben, dass die Haltung, sich alles Mögliche herauszunehmen, bis in die Antike zurückreicht und sich daran wenig geändert hat. Ich sehe es pragmatischer: Die Wahrheit ist, dass das Leben an den Rändern Europas anders ist, weil die Realität eine andere ist.  

          Hier ein Beispiel: Vergangenen Monat war ich für einige Tage in Berlin, und ich musste wegen meiner Augen ins Krankenhaus. Vor einiger Zeit wurde ich wegen einer Netzhautablösung operiert, weswegen es nicht sehr sinnvoll gewesen wäre, nur in einer Apotheke vorbeizuschauen. Was ich in diesem fremden System als Außenseiterin erlebte, machte mir Angst. Zunächst wurde ich aufgrund der schlechten Englischkenntnisse des Krankenhauspersonals „von Pontius zu Pilatus“ geschickt, um nach zwei Stunden des Wartens gesagt zu bekommen, dass ich zu einem Privatarzt müsse – ohne jemals gefragt worden zu sein, warum ich überhaupt gekommen war. Ich verstand nie, warum.

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