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Kurzarbeitergeld : So lässt sich die Beschäftigung besser stabilisieren

  • -Aktualisiert am

Aus Umfragen des DIW ergibt sich, dass sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten kürzere Arbeitszeiten wünscht. Ohne einen Ersatz des wegfallenden Lohns können sich das die meisten aber nicht leisten. Bild: dpa

Kurzarbeitergeld führt dazu, dass in betroffenen Unternehmen die Arbeitsstunden mehr als nötig verringert werden. Es gibt eine bessere Alternative. Ein Gastbeitrag.

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          Im März waren sich die meisten Ökonomen einig, dass Kurzarbeit in der Corona-Krise hilfreich sei. Während weltweit die Arbeitslosenzahlen explodierten, sah Deutschland nur einen moderaten Anstieg, weil fast 7 Millionen Menschen „nur“ in Kurzarbeit statt Arbeitslosigkeit gingen und so immerhin noch 56 Prozent ihrer regulären Stunden arbeiteten. Insofern hat uns Kurzarbeit Zeit verschafft, mit der unerwarteten Krise umzugehen. Nun allerdings entbrennt ein Streit unter Ökonomen über die geplante Erhöhung der höchstmöglichen Bezugsdauer des Kurzarbeitergeldes auf 24 Monate. Die einen warnen vor der „Zombifizierung“ der Wirtschaft, weil nicht wettbewerbsfähige Firmen künstlich am Leben gehalten werden und auch Arbeitnehmer in Kurzarbeit zu wenig nach neuen Stellen suchen. Dadurch verlangsame sich der Strukturwandel. Die anderen betonen, dass durch die Verlängerung Unsicherheit reduziert, Beschäftigung stabilisiert und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gestützt werde.

          Beide Argumente sind prinzipiell richtig, treffen jedoch den Kern des Problems nur partiell. Die Opponenten überschätzen die Dynamik strukturellen Wandels und übersehen, dass es makroökonomisch wünschenswert sein kann, einen plötzlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Proponenten unterschätzen die Möglichkeiten der Sozialpartner und übersehen auch, dass Kurzarbeit Anreize schafft, Arbeitsvolumina mehr als nötig zu reduzieren.

          Warum ist das Argument des strukturellen Wandels, also des systematischen Auf- und Abbaus von Stellen über Unternehmen und Sektoren hinweg, quantitativ weniger relevant, als es zunächst erscheint? Zwar wechselt, mit rund sieben Prozent, ein großer Anteil aller Beschäftigten in einem typischen Quartal den Arbeitgeber, doch nur ein geringer Teil dieser Wechsel geht mit dauerhaftem Stellenauf- oder -abbau einher. Vielmehr sind oft persönliche Umstände des Arbeitnehmers zentrales Motiv für einen Wechsel, und die so vakant gewordene Stelle wird neu besetzt. Wandel wird hingegen vor allem durch Berufseinsteiger getrieben und ist ein langfristiger Prozess, auf den das verlängerte Kurzarbeitergeld wenig einwirken dürfte.

          Je mehr Menschen Arbeit suchen, desto schwerer für den Einzelnen

          Ohnehin steht dem Schumpeter’schen Argument der „kreativen Zerstörung“ das makroökonomische Argument der Suchexternalitäten entgegen. Arbeitnehmer wenden Zeit und Anstrengungen auf, um einen passenden Arbeitsplatz zu finden. Je mehr Menschen gleichzeitig suchen, desto schwerer fällt es dem Einzelnen; sein individueller Einsatz wird entwertet. Es ist wie auf der Autobahn: Wenn zu viele gleichzeitig von A nach B wollen, kommt es zum Stau, und am Ende kommen alle langsamer ans Ziel. Wenn also plötzlich rund um Stuttgart viele Autobauer einen neuen Job suchen, dann ist damit niemandem geholfen, und es wird nur die Sozialversicherung belastet.

          Kurzarbeitergeld funktioniert somit ein bisschen wie eine Zuflusskontrolle auf der Autobahn. Genau wie dort gilt auch bei der Kurzarbeit: je schärfer die Zuflussspitze und je kürzer der Zeithorizont, umso größer ist der Vorteil, den Zufluss von Arbeitssuchenden in den Arbeitsmarkt über die Zeit zu strecken.

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