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Anders als in Amerika : Kurzarbeit stützt Europas Arbeitsmärkte

Illustration Bild: dpa

Die Arbeitslosenquote in Europa sinkt – anders als die in Amerika, wo es zum ersten Mal seit dem Frühjahr einen Rückschlag gibt. Doch zwei relevante Gruppen werden von der Statistik nicht erfasst.

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          Nach dem starken Einbruch im Frühjahr scheint der Arbeitsmarkt in Europa die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Krise zunächst überstanden zu haben – insbesondere dank staatlicher Hilfen und dem umfangreichen Einsatz von Kurzarbeit. Wie das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag in Luxemburg mitteilte, sank die Arbeitslosenquote im Schnitt der 27 EU-Länder im November weiter leicht auf 7,5 Prozent. Nachdem sie Anfang vergangenen Jahres noch 6,5 Prozent betragen hatte, war der Höhepunkt im Juli bei 7,8 Prozent erreicht worden.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Bei der Interpretation der Zahlen ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie den durch die Pandemie entstandenen Schaden wohl unterzeichnen. So weist zum einen Eurostat selbst darauf hin, dass ein „erheblicher Teil“ derjenigen, die sich bei den Arbeitsämtern registriert haben, im Zuge der Corona-Krise nicht mehr nach einer Arbeit sucht oder nicht arbeiten kann, etwa weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Zum anderen ist in vielen Ländern immer noch ein beträchtlicher Teil der Beschäftigten in Kurzarbeit. Beide Gruppen werden nicht als Arbeitslose erfasst.

          Wie die Eurostat-Daten zeigen, kommt Europa bisher dennoch deutlich glimpflicher durch die Corona-Krise als durch die große Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und 2009. Gleiches gilt für die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit, die im Schnitt aller EU-Länder nach 14,7 Prozent zu Jahresanfang in der Spitze auf 18,4 Prozent zulegte. In der Finanzkrise war sie von 15,5 Prozent Anfang 2008 auf bis zu 21,9 Prozent im Frühjahr 2010 geklettert. Besonders kräftig war sie damals in einigen südeuropäischen Ländern gestiegen, in Spanien etwa hatte sie sich auf über 41 Prozent mehr als verdoppelt. Auch jetzt hat sie in Spanien und Portugal wieder deutlich zugenommen. Eine insgesamt besonders hohe Arbeitslosenquote verzeichnen neben Spanien vor allem Griechenland, Italien und Frankreich.

          Kurzarbeit verhindert „recht erfolgreich“ Jobverluste

          Wie entscheidend die Kurzarbeit dazu beiträgt, dass die Arbeitslosigkeit nicht noch viel stärker gestiegen ist, lässt sich einer aktuellen Analyse der Bank ING entnehmen. Nachdem im Frühjahr in einigen Ländern jeder dritte bis vierte Beschäftigte in Kurzarbeit war, waren es im Durchschnitt der 19 Euro-Länder zuletzt immer noch rund 5 Prozent. Da trotz eines Rückgangs der Kurzarbeit die Arbeitslosigkeit in diesen Ländern kaum gestiegen ist, erfülle dieses Instrument „recht erfolgreich“ seine Funktion, Arbeitsplatzverluste zu verhindern, schreiben die Autoren.

          Aus ihrer Sicht kann die Kurzarbeit die Arbeitsmärkte in den meisten großen Volkswirtschaften auch in der zweiten Pandemie-Welle stützen. Sie weisen allerdings darauf hin, dass mit zunehmender Länge eines Lockdowns das Risiko steigt, dass Unternehmen pleite gehen. Zudem seien in einigen Ländern Insolvenzen durch umfangreiche Stützungsmaßnahmen unterdrückt worden, wodurch es nun zu einem Nachholeffekt kommen könne. Sie rechnen daher in diesem Jahr noch einmal mit leichten Anstiegen der Arbeitslosigkeit. Darauf deutet auch ein neues, vom Nürnberger Forschungsinstitut IAB initiiertes europäisches Arbeitsmarktbarometer hin. Demnach erwarten die öffentlichen Arbeitsverwaltungen in Europa durch neue Corona-Einschränkungen einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit, aber keine drastische Entwicklung.

          In den Vereinigten Staaten hingegen hat der Arbeitsmarkt zum ersten Mal seit dem Frühjahr einen Rückschlag erlitten. Im Dezember gingen 140.000 Arbeitsplätze verloren. Die Arbeitslosenquote blieb nach Regierungsangaben auf dem Vormonatsniveau von 6,7 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen ist mit knapp 11 Millionen doppelt so hoch wie im letzten Monat vor der Pandemiekrise, dem Februar 2020. Stellen gingen vor allem im Gastgewerbe verloren, das sich zwischenzeitlich etwas erholt hatte. Doch kaltes Wetter und neue Pandemie-Auflagen schränken das Geschäft von Restaurants ebenso ein wie die wieder wachsende Sorge vieler Leute, sich anzustecken. Nur teilweise konnten die Arbeitsplatzverluste ausgeglichen werden durch neue Stellen auf dem Bau und im Handel. Schwarze sind mit einer Arbeitslosenquote von 9,9 Prozent besonders stark betroffen.

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