https://www.faz.net/-gqe-168ke

Konsum in der Krise : Griechen kaufen weniger deutsch

Griechen suchen sich ihre Gegner: Nach dem Aufruf zum Boykott deutscher Waren kam der Aufruf zum Generalstreik Bild: dpa

Deutsche Urlauber sehen keinen Zusammenhang zwischen der griechischen Schuldenkrise und ihrem Urlaub im Süden. Die Griechen sind anders gestrickt. Ein Boykottaufruf verpufft zwar, hinterlässt aber in der Bevölkerung eine antideutsche Stimmung. Autohersteller sind stark betroffen.

          3 Min.

          Als Folge der Schuldenkrise und der nachlassenden Nachfrage exportieren deutsche Unternehmen weniger nach Griechenland. 2009 schrumpfte die Ausfuhr von deutschen Autos um 15 Prozent auf 767 Millionen Euro, blieb aber gleichwohl der größte Einzelposten. Der gesamte Export ging sogar um 19,4 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro zurück, weniger als 1 Prozent der deutschen Ausfuhr. Während Deutschland im September 2008, dem letzten Monat vor dem Ausbruch der Krise, noch Personenwagen im Wert von 125 Millionen Euro nach Griechenland exportiert hatte, waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Februar 2010 nur noch 62 Millionen Euro. Auf 35 Millionen Euro nahezu halbiert hat sich auch der Export der elektrotechnischen Erzeugnisse. Demgegenüber veränderten sich die Posten für Nahrungsmittel und chemische Produkte kaum.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Im Durchschnitt setzen deutsche Unternehmen in Griechenland 20 Prozent weniger ab als vor dem Ausbruch der Krise Ende 2008. Nicht alle deutschen Unternehmen seien von der Krise in gleichem Maße betroffen, sagt Martin Knapp, der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer zu Athen. Discounter wie Lidl und Aldi mit ihrem Basissortiment profitierten vom neuen Preisbewusstsein der griechischen Verbraucher. Je anspruchsvoller ein Produkt werde, desto größer sei die Kaufzurückhaltung, beobachtet Patric Vogel, bis Anfang April 2010 CEO von Media Markt Saturn in Griechenland. Die Konsumenten kauften nur noch, was sie benötigten, und wechselten zudem zu preiswerteren Marken.

          Zudem habe ein Boykottaufruf einer griechischen Verbrauchervereinigung deutsche Lieferanten getroffen, sagt Knapp. Noch sei es allerdings zu früh, um unterscheiden zu können, welcher Anteil des aktuellen deutschen Lieferrückgangs auf die allgemeine Schuldenkrise entfalle und welcher auf den Boykottaufruf.

          Konsum wieder spürbar gedrosselt

          Nach dem Ende des traditionellen Ostergeschäfts, das schlechter als in den vergangenen Jahren gelaufen war, haben die verunsicherten Verbraucher ihren Konsum wieder spürbar gedrosselt. Einzelhandelsgeschäfte und Einzelhandelsketten reagieren mit Rabattaktionen und Preisnachlässen bis zu 20 Prozent. Dennoch halten sich die Verbraucher zurück. Im ersten Quartal 2010 ist das griechische Bruttoinlandsprodukt ersten Schätzungen zufolge um 2 Prozent bis 2,4 Prozent geschrumpft.

          Die Zahlen für den privaten Konsum fallen mutmaßlich noch ungünstiger aus. So waren im Januar 2010 die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer 9,5 Prozent unter dem Wert vom Januar 2009 gelegen. Bei Reallohneinbußen dämpfte der Anstieg des Preisniveaus, das im März um 3,9 Prozent über dem des Vorjahresmonats lag, die Verbraucherneigung. Zudem sind die griechischen Konsumenten verunsichert, weil Regierungen auch rückwirkend Steuern erhöhen.

          „Keiner weiß, was er am Ende des Monats im Geldbeutel haben wird“, sagt Jens Bastian, Ökonom an der Athener Denkfabrik Eliamep. Als Indiz für den dramatischen Einbruch beim Konsum wertet er, dass im Einzelhandel im vergangenen Jahr 19 000 Arbeitsplätze abgebaut worden seien und mehr als 10 000 Geschäfte hätten schließen müssen. Auf der anderen Seite treffe die griechischen Importeure, dass deutsche Lieferanten von ihnen zunehmend auf Vorauskasse bestünden, beobachten deutsche Geschäftsleute. Denn die Geschäftspartner der Griechen übertrügen die Angst vor einer Staatspleite auf die Unternehmen. Zudem leide die Zahlungsmoral der Unternehmen, weil der Staat die Erstattung der Mehrwertsteuer zurückhalte.

          Deutsche Touristen reisen trotzdem nach Griechenland

          Der Tourismus wird den gebeutelten Griechen 2010 etwas Entlastung bringen. Die deutschen Urlauber sähen keinen Zusammenhang zwischen der Schuldenkrise des griechischen Staats und ihrem Urlaub, sagt eine Sprecherin des Reiseveranstalters TUI. Die Buchungen für Griechenland lägen auf Vorjahresniveau, und auch unmittelbar vor dem Beginn der Sommerferien erwarte TUI eine gute kurzfristige Nachfrage. Auf der ionischen Insel Korfu, wo ein Hotel der Sensimar-Kette eröffnet werde, rechnet TUI in den Ferienmonaten mit einem „zweistelligen Plus“. Über dem Vorjahresstand lägen auch Santorini und das Festland um Athen.

          Bei den Verbrauchern sei der Boykottaufruf der „Vereinigung der griechischen Konsumenten“ verpufft, beobachtet der Metro-Manager Vogel. Der Aufruf war eine Reaktion auf das Titelblatt eines deutschen Magazins, das die Venus von Milo mit einem bohrenden Stinkefinger gezeigt hatte, und auf die Forderung deutscher Politiker, Griechenland solle seine Inseln verkaufen. Wettbewerber hätten versucht, als Trittbrettfahrer diesen Boykottaufruf auszunutzen, bedauert Vogel.

          Auch wenn heute keiner mehr vom Boykott spreche, sei eine neue antideutsche Stimmung weit verbreitet, ist von deutschen Wirtschaftsvertretern zu hören. Sie berichten auch davon, dass europäische Wettbewerber versuchten, ihre Chancen für Staatsaufträge zu erhöhen, indem sie betonten, sie seien keine Deutsche und ihre Regierung wolle – anders als die deutsche – Griechenland ja helfen. Ein weiteres Handicap ist für einige Firmen, dass die Korruption als ein spezifisch deutsches Problem wahrgenommen wird. Um nicht verdächtigt zu werden, Schmiergelder anzunehmen, würden Beamte daher mit Unternehmen wie Siemens, Thyssen Krupp, MAN und Daimler kaum mehr sprechen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Verlegeschiff „Audacia“ des Offshore-Dienstleisters Allseas im Jahr 2019, als es in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt hat.

          EU-Parlament fordert Abbruch : Weder Sanktionen noch Gift

          Ist es ein Zeichen von Souveränität, dass Deutschland an Nord Stream 2 festhält? Der Kreml könnte das als Beleg für alternativlose Abhängigkeit ansehen.

          Wer ist Amanda Gorman? : Mit Lyrik in die Welt getreten

          Eine Klasse für sich: Warum der Auftritt der amerikanischen Dichterin Amanda Gorman bei der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten in Washington die Welt bewegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.