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Konjunkturtheorie : Sparen, auch wenn es weh tut

Bild: Alfons Holtgreve

Soll ein Staat in einer Wirtschaftskrise sparen oder im Gegenteil seine Ausgaben erhöhen? Ökonomen streiten seit Jahrzehnten über die Frage. Die Schuldenkrise wirft ein neues Licht auf das Thema.

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          Die Frage, ob der Staat in einer Wirtschaftskrise eher sparen oder im Gegenteil seine Ausgaben erhöhen soll, gehört zu den kontroversesten Debatten in den Wirtschaftswissenschaften. Dementsprechend sind die Einschätzungen, ob die Anpassungsprogramme in der Peripherie des Euroraums eher Nutzen als Schaden anrichten, heiß umstritten. Eine aktuelle Arbeit, an der unter anderen der Bonner Ökonom Gernot Müller beteiligt ist, wirft ein neues Licht auf das Thema, weil in der Analyse der hohen Verschuldung von Ländern ein erhebliches Gewicht beigemessen wird.

          Um die Brisanz dieser Arbeit zu erkennen, lohnt es sich, kurz die Geschichte des Disputs um das Verhalten des Staates in Wirtschaftskrisen nachzuzeichnen. Am Anfang stand die liberale Auffassung, wonach Krisen das Ergebnis früherer Übertreibungen seien und der Staat auf einen ausgeglichenen Haushalt achten sollte. Das hat in der Krise Sparpolitik zur Folge. Seit den Erfahrungen der Regierung Brüning in der Endphase der Weimarer Republik ist diese Strategie umstritten.

          Dann kam John Maynard Keynes, der (wie viele Vorgänger und viele Nachfolger) die Ansicht vertrat, eine Krise sei das Ergebnis einer unzureichenden privaten Nachfrage. Der Staat müsse vorübergehend eine zusätzliche Nachfrage entfalten und die hierbei anfallende Verschuldung tolerieren, bis der anschließende Aufschwung die Staatskasse wieder ins Lot bringe. Aus dieser Position folgt aber, dass sie staatliche Sparpolitik in der Krise als kontraproduktiv ansieht.

          Diese lange Zeit festgefügte Meinung wurde in den vergangenen Jahren durch Arbeiten herausgefordert, die unter Leitung des in Harvard lehrenden italienischen Ökonomen Alberto Alesina entstanden sind. Auf der Basis von Länderstudien kamen sie zu dem Ergebnis, dass Sparpolitik die Konjunktur sogar anregen kann, sofern der Staat sein Haushaltsdefizit über Ausgabenkürzungen und nicht über höhere Steuern und Abgaben reduziert. Der dahinterstehende theoretische Gedanke ist einfach: Wenn die Menschen eine sinkende Staatsverschuldung erwarten, müssen sie weniger mit Blick auf künftige Steuererhöhungen sparen und können mehr konsumieren.

          Gegen die These von Alesina und seinen Mitautoren wendet sich eine kürzlich veröffentlichte Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Alesinas Länderstudien methodische Schwächen nachsagt und auf der Basis eigener Länderstudien (die wieder offen für methodische Kritik sind) zu dem Schluss gelangt, dass Sparpolitik kurzfristig die Krise verschärft, vor allem Bezieher von Lohneinkommen trifft und speziell die Langzeitarbeitslosigkeit erhöht. Dieser Befund ist vor allem dann gültig, wenn weder eine weitere geldpolitische Lockerung noch eine Abwertung der Währung möglich ist. Mit dieser Position des IWF ziehen die allseits bekannten Kritiker von Sparpolitik wie der Nobelpreisträger Paul Krugman derzeit hoch erfreut durch die Lande.

          Andererseits erkennt der IWF einen längerfristigen Sanierungsbedarf. Seine Position lautet: Sparpolitik ist prinzipiell notwendig, aber nicht in der aktuellen Lage. Diese Position erinnert an eine Erkenntnis eines großen Kirchenvaters, des heiligen Augustinus (354 bis 430): "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber nicht sogleich!" (Da mihi castitatem et continentiam, sed noli modo.)

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