https://www.faz.net/-gqe-a45wv

Konjunktur : Vorkrisenniveau noch in weiter Ferne – vor allem in der EU

Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden: Hochgeklappte Containerbrücken am Terminal Hamburg Altenwerder Bild: dpa

Nirgendwo sonst ist der Pessimismus unter Ökonomen so groß wie in Europa. Nicht nur in Deutschland rechnen die meisten Fachleute mit einem nachhaltigen Schaden für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.

          3 Min.

          Die ökonomischen Folgen der Corona-Beschränkungen sind allerorts verheerend, doch auf keinem Kontinent stufen sie Wirtschaftsforscher für ihr jeweiliges Heimatland so negativ ein wie in Europa. Auch mit Blick auf die Erholung ist der Optimismus in Asien, Amerika und Afrika merklich größer.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist Ergebnis einer Umfrage, die das Münchner Ifo-Institut im August unter 950 Volkswirten aus aller Welt durchgeführt und nun präsentiert hat. Für die 27 Länder in der EU erwarten die Ökonomen demnach im wahrscheinlichsten Fall einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 8,4 Prozent in diesem Jahr. Besonders düster ist ihre Einschätzung für Frankreich (minus 8,7 Prozent), Italien (minus 10,5 Prozent) und Spanien (minus 13,6 Prozent). Auch Großbritannien rangiert mit 10,0 Prozent weit unten auf der Skala.

          Die Vereinigten Staaten übertreffen mit minus von 6,5 Prozent dagegen sogar das verhältnismäßig gut dastehende Deutschland (minus 7,1 Prozent). Auch im übrigen Nord- und Südamerika sowie in Afrika, Asien und Russland erwarten die Fachleute zwar herbe Wohlstandseinbußen. Aber einzig Südafrika schneidet laut der Umfrage mit minus 9,3 Prozent noch schlechter ab als die EU im Durchschnitt. Chinas Wirtschaft dürfte nach Meinung der Fachleute mit 2,3 Prozent in diesem Jahr wachsen.

          Den größten Pessismismus gibt es in Italien

          Das durchschnittliche BIP-Minus aller Länder beziffern die Studienautoren auf 4,4 Prozent. Das verdeutlicht mit Blick auf die Vorgängerumfrage von April dieses Jahres, wie sehr die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang der Corona-Krise verflogen ist. Damals belief sich das gemittelte BIP-Minus noch auf 1,9 Prozent.

          Die im Frühsommer einsetzende Erholung vom Corona-Schock spiegelt sich in der Ökonomenumfrage nur bedingt wider. Nur eine kleine Minderheit von 6 Prozent der Befragten glaubt für ihr jeweiliges Land an eine V-förmige Rezession, dass das BIP nach dem scharfen Einbruch vom Frühjahr also rasch zurückkehrt auf das Vorkrisenniveau – trotz verbessertem Wirtschaftsklima, trotz zuletzt wieder verbesserten Aussichten etwa von der Welthandelsorganisation WTO.

          Für wahrscheinlicher wird mit 21 Prozent ein W-Verlauf mit zweifacher Rezession und mit 31 Prozent eine Wirtschaftsentwicklung in Form des Häkchen-förmigen Nike-Logos gehalten. Eine relative Mehrheit von 42 Prozent der Befragten erwartet eine U-förmige Rezession mit einem anhaltenden BIP-Rückgang. Nach der Rückkehr auf den Corona-bereinigten Wachstumspfad, der noch weitaus länger dauern dürfte als die Rückkehr auf das Vorkrisenniveau, wurde nicht gefragt.

          Schon in der ersten Hälfte 2021 wettgemacht zu haben, was im Vergleich zum Vorkrisenniveau verloren gegangen ist, erwartet anders als in der April-Umfrage nur noch eine kleine Minderheit, in den Schwellenländern Asiens mit 12,5 Prozent der Befragten noch die meisten; in der EU sind es mit 4,3 Prozent so wenige wie sonst nirgendwo. Auch für die zweite Jahreshälfte 2021 gibt es keine Mehrheit. Eher geht die Tendenz in allen Ländern in Richtung 2022. Den größten Pessismismus gibt es diesbezüglich in Italien: 31 Prozent der Wirtschaftsforscher erwarten eine vollständige Erholung für 2023 und 35 Prozent sogar noch später, referieren die Studienautoren Dorine Boumans, Pauliina Sandqvist und Stefan Sauer.

          Merkliche Unterschiede von Land zu Land 

          Besonders bedenklich auch für Deutschland: Zwei Drittel der hierzulande Befragten rechnen mit einem nachhaltigen Schaden für das Produktionspotential, also die Wertschöpfung bei voller Auslastung der Produktionsfaktoren. Ein Grund dafür sind Insolvenzen, durch die Kapital und Beschäftigung verloren gehen. Auch in Ländern wie Österreich, den Niederlanden, aber auch Großbritannien, Brasilien und den Vereinigten Staaten hält eine Mehrheit der Ökonomen negative Auswirkungen auf das Produktionspotential für wahrscheinlich.

          Merkliche Unterschiede von Land zu Land gibt es in der Beurteilung der mitunter massiven staatlichen Konjunkturstützen. In Amerika etwa ist mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer der Ansicht, dass noch viel zu tun sei – trotz 2,3 Billionen Dollar schweren Notfallhilfen durch den Kongress. Deutsche Ökonomen sind dagegen mehrheitlich der Auffassung, dass die Maßnahmen der Politik ausreichend sind. Liquiditätshilfen für kleine und mittlere Unternehmen genießen dabei den größten Rückhalt, auch in den übrigen entwickelten Volkswirtschaften.

          Von der Kurzarbeit halten nur manche Fachleute so viel wie ihre deutschen Kollegen – in Amerika etwa wird neben geldpolitischen Maßnahmen wie Wertpapierkäufen oder Zinssenkungen selbst dem Ausbau der Kinderbetreuung eine größere Konjunkturstützung bescheinigt. Für die Ökonomen in den Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas wiederum steht die Verbesserung des Gesundheitssystems an erster Stelle.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kämpft mit dem Brexit und der Pandemie an zwei Fronten: Großbritanniens Premier Boris Johnson

          Desinteresse in Großbritannien : Für viele Briten ist der Brexit erledigt

          In Großbritannien interessiert sich kaum noch jemand für die Verhandlungen über das künftige Verhältnis zur EU. Das liegt nicht nur an der Corona-Pandemie. Auch das Verhalten des Staatenbundes spielt eine wichtige Rolle.

          Fehlstart für Dortmund : Unerklärlich, desolat und einfach schlecht

          Beim Start in die Saison der Champions League zeigt der BVB bei der Niederlage bei Lazio Rom eine erschreckende Leistung. Die Kritik ist groß. Und nun wartet auch noch eine ziemlich brisante Aufgabe auf die Dortmunder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.