https://www.faz.net/-gqe-ah6bq

Konjunktur : Der Aufschwung kommt fast zum Erliegen

Stau vor den Häfen von Los Angeles und Long Beach - die Lieferengpässe machen auch der deutschen Wirtschaft zu schaffen. Bild: dpa

Für Fachleute sind es „besorgniserregende“ Signale aus der Wirtschaft im Oktober: Das Wachstum stagniert – und die Preise steigen weiter.

          2 Min.

          Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist im Oktober beinahe zum Erliegen gekommen. Das zeigen am Freitag veröffentlichte Umfragedaten des Analyseunternehmens IHS Markit. Der aus einer Umfrage unter 800 Industrie- und Dienstleistungsunternehmen errechnete Markit-Einkaufsmanagerindex fiel demnach im Oktober auf 52 Punkte – das waren fast vier Punkte weniger als im September und der niedrigste Wert seit acht Monaten.

          Johannes Pennekamp
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Der Indikator signalisiert Wirtschaftswachstum, falls die Schwelle von 50 Punkten überschritten wird. Der Einbruch deute nun darauf hin, „dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland zu Beginn des vierten Quartals 2021 zu stagnieren beginnt“, kommentierte Markit-Volkswirt Phil Smith. Er bezeichnete es als „besorgniserregend“, dass die Wachstumsverlangsamung mit einem weiteren Anstieg der Einkaufs- und Verkaufspreise der Unternehmen zusammenfällt. Vor allem die höheren Energiepreise führten inzwischen zu höheren Preisen, die die Unternehmen verlangen – was den Inflationsdruck steigere.

          Staus auf den Weltmeeren

          Als Hauptgrund für den Rückgang nennen die Analysten „Engpässe bei Vorprodukten und die daraus resultierende Nachfrageabschwächung im Automobilsektor“. Fachleute gehen derzeit nicht davon aus, dass die Staus auf den Weltmeeren und der Mangel an Halbleitern, der die Industrie bremst, innerhalb weniger Monate gelöst werden können. Konjunkturforscher sind deshalb pessimistischer was das Wirtschaftswachstum in Deutschland angeht.

          Die führenden Forschungsinstitute rechnen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose nur noch mit 2,4 Prozent Zuwachs für das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr, dann aber mit einem Plus von 4,8 Prozent im kommenden Jahr. Die einzige positive Botschaft, die in den neuen Zahlen zu finden ist: Die Unternehmen stellen trotz der aktuellen Probleme weiter neue Mitarbeiter ein. Die Unternehmen blieben zuversichtlich, sagte Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ BANK.

          Auch die Daten für den gesamten Euroraum fielen aus Sicht der Volkswirte enttäuschend aus. Der entsprechende Konjunkturindikator fiel auf ein Sechsmonatstief, hielt sich mit 54,3 Punkten aber oberhalb des deutschen Wertes. Es sei klar gewesen, dass das starke Wachstum der Sommermonate nachlassen werde, kommentierte Bert Colijn von der ING Diba. Das Tempo des Rückgangs verursache allerdings ein schlechtes Gefühl. Womöglich würden die Warenengpässe der Konjunktur mehr wehtun als bislang gedacht.

          Außer den Lieferproblemen rückt langsam aber sicher auch die pandemische Lage wieder in den Fokus der Konjunkturforscher. Die vielerorts wieder steigenden Infektionszahlen schürten die Sorge vor neuen Beeinträchtigungen für Unternehmen. „Diese Befürchtungen trafen wieder einmal in erster Linie die verbrauchernahen Sektoren wie Reise, Tourismus und Freizeit“, kommentierten die Markit-Analysten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jerome Powell hat seine Einschätzungen zur Inflation inzwischen verändert.

          Geldpolitik : Fed fürchtet hartnäckige Inflation

          Amerikas Notenbank prüft eine raschere Straffung ihrer Geldpolitik. Ihr Präsident Jerome Powell hält den Preisanstieg nicht mehr nur für vorübergehend.