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Konjunktur : Industrie erhält im September überraschend viele neue Aufträge

Ein Beschäftigter arbeitet in einer Werkhalle der Meuselwitz Guss Eisengießerei in Thüringen. Bild: dpa

Der Auftragseingang der Industrie ist ein wichtiger Frühindikator der Konjunktur. Im September ist er wieder gestiegen – und zwar überraschend stark. Ökonomen schöpfen Hoffnung.

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          Die deutsche Industrie hat im September einen überraschend starken Auftragszuwachs verzeichnet. Das Neugeschäft wuchs um 1,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Zudem fiel der Rückgang im August mit 0,4 Prozent etwas schwächer aus als zunächst mit minus 0,6 Prozent gemeldet.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Fachleute hatten nur mit einem Mini-Plus von 0,1 Prozent gerechnet, diese Erwartung wurde also stark übertroffen. Der Auftragseingang in der Industrie ist ein maßgeblicher Konjunkturindikator für die zukünftige Geschäftsentwicklung. Seit dem Jahreswechsel 2017/2018 zeigte er im Trend nach unten, auch wenn es zuletzt leichte Anzeichen der Stabilisierung gegeben hatte. Letzteres gilt auch für Stimmungsbarometer wie den Ifo-Geschäftsklimaindex, eine monatliche Umfrage unter 9000 Unternehmen.

          Erste Konjunkturforscher mutmaßten deshalb in den vergangenen Tagen schon über eine Trendwende im laufenden Abschwung. „Der freie Fall der Industrie ist gestoppt“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser der F.A.Z. Ein einschlägiger Grund sei zwar nicht auszumachen, denn weder ein harter Brexit noch die von Amerika angezettelten Handelskonflikte seien aus der Welt. Verschlechtert habe sich die globale Großwetterlage für die exportorientierte Industrie zuletzt aber auch nicht mehr.

          Zeichen stehen auf Stabilisierung

          Das spreche dafür, dass die deutsche Wirtschaft ihre schlimmsten Schrumpfungsraten hinter sich habe und der Tiefpunkt wohl auf den zurückliegenden Sommer datiert werden könne, meint Wollmershäuser. Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht das Pendel mittlerweile eher in Richtung Stabilisierung ausschlagen. Die deutsche Wirtschaft dürfte den Kieler Ökonomen zufolge im dritten Quartal stagniert haben.

          Diese Einschätzung basiert auf einer Ende Oktober veröffentlichten Schnellschätzung der europäischen Statistikbehörde Eurostat, wonach das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal bei 0,0 Prozent gelegen habe. Andere Wirtschaftsforscher wie das Berliner DIW waren bislang von einer anhaltenden Schrumpfung ausgegangenen, nachdem das Minus im zweiten Quartal 0,1 Prozent betragen hatte; offizielle Zahlen zum dritten Quartal legt das Statistische Bundesamt Mitte November vor.

          Einzelne Branchen sind beim Auftragseingang indes noch nicht auf dem Tiefpunkt angekommen, auch wenn der Indikator für die gesamte Industrie wieder nach oben zeigt. Die deutschen Maschinenbauer etwa haben auch im September weniger Aufträge eingefahren. Die Bestellungen seien binnen Jahresfrist um vier Prozent geschrumpft, teilte der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) am Mittwoch mit. Während im traditionell starken Exportgeschäft das Minus bei zwei Prozent gelegen habe, seien die Aufträge im Inland um neun Prozent zurückgegangen.

          Auch in der Chemie- und Pharma-Industrie ist laut dem Branchenverband VCI keine Trendwende zu erkennen. Vielmehr habe sich der Abschwung fortgesetzt, wie der Verband am Mittwoch mit Blick auf die Quartalszahlen des dritten Quartals mitteilte. Von Juli bis September sei der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent gesunken. „Die Situation für die Chemie ist aktuell nicht einfach", erklärte VCI-Präsident Hans Van Bylen.

          Das Wirtschaftsministerium hofft, dass die Industrie ihre Schwäche am Jahresende überwinden kann. „Aus dem Verlauf der Ordereingänge im Verarbeitenden Gewerbe ergibt sich eine eher günstige Ausgangsposition für das Jahresschlussquartal“, betonte es. „Auch haben sich die zurückhaltenden Geschäftserwartungen zuletzt etwas aufgehellt. Beides könnte auf eine Bodenbildung bei den Bestellungen hindeuten.“ Schwächere Weltkonjunktur, Handelskonflikte und Brexit-Chaos haben die exportabhängige Industrie zuletzt in die Rezession gedrückt.

          Die Bestellungen aus dem Inland erhöhten sich im September um 1,6 Prozent, die Aufträge aus dem Ausland legten um 1,1 Prozent zu. Dabei nahmen die Auftragseingänge aus der Euro-Zone jedoch um 1,8 Prozent ab, während die Bestellungen aus dem restlichen Ausland um 3,0 Prozent stiegen. Zudem sei das Auftragsplus zu einem größeren Teil auch auf Bestellungen aus dem schwankungsanfälligen Bereich „sonstiger Fahrzeugbau“ zurückzuführen, sagte Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen. Darunter fallen Verkehrsträger wie Schiffe und Flugzeuge.

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