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Kommentar : Die Überforderung der Geldpolitik

Notenpressen anwerfen als Mittel gegen die Krise? Bild: dpa

Die Idee, die Inflation zum Heilmittel zu ernennen, hat theoretisch und historisch abgewirtschaftet. In einer Welt hoher Unsicherheit muss es die vornehmste Aufgabe der Notenbank bleiben, durch eine Politik stabilen Geldes ein Stück Sicherheit zu schaffen.

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          Je unbefriedigender die wirtschaftliche Lage ist, umso größer werden die Ansprüche an die Geldpolitik. Dies gilt besonders für eine Situation, in der die meisten Industrienationen unter den Folgen einer Verschuldungskrise leiden, das Wirtschaftswachstum schwach ist und die Finanzpolitik als Stimulator der Konjunktur ausfällt, weil sie einen langfristigen Sanierungskurs einschlagen muss.

          Die daraus folgende Überforderung der Geldpolitik ist unverkennbar. Die Notenbanken in den Vereinigten Staaten, im Euroraum, in Großbritannien und in Japan haben erhebliche Bestände an Staatsanleihen angekauft, obgleich die Staatsfinanzierung durch die Notenbank in jedem Lehrbuch aus gutem Grunde als Ursünde gilt. Vorangetrieben vor allem durch Ökonomen aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien wird den Notenbanken nun auch noch eine weitere Aufgabe nahegelegt: Sie sollen durch höhere Inflationsraten einen Beitrag zur Stimulierung der Wirtschaft leisten, die ansonsten in einer Depression zu verharren drohe. Diese verzweifelt anmutende Idee verdeutlicht den intellektuellen Bankrott, den die seit zwei Jahrzehnten herrschende und unter amerikanischer Führung stehende makroökonomische Lehre in der Finanzkrise erlitten hat.

          Die Grundidee der Anhänger einer höheren Inflationsrate lautet wie folgt: Als Folge der Krise ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage eingebrochen. Dies liegt nicht an fehlendem Geld, das vorhanden ist, aber gehortet wird. Um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln, müssten die Menschen mehr Geld ausgeben. Wie bringt man sie dazu? Indem die Notenbank eine höhere Inflationsrate von zum Beispiel 5 Prozent ankündigt. Weil die Menschen diese Ankündigung ernst nehmen, geben sie tatsächlich mehr Geld aus, da dieses in der Inflation Wert verlieren würde. Die später einsetzende Inflation besitzt den zusätzlichen Vorteil, dass sie bei starren Nominallöhnen die Reallöhne senkt, was die Beschäftigung anregen dürfte. Außerdem kann eine höhere Inflationsrate dazu beitragen, die reale Last der angehäuften Staatsschulden ein Stück weit zu reduzieren.

          Fundamentale Irrtümer

          Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Die Geldpolitik wird in diesem Modell zu einem Alleskönner und die Inflation zu einem Heilmittel mit überwältigender Wirkungskraft. In Wahrheit beruht diese Ansicht auf fundamentalen Irrtümern, die sich als Ergebnis einer einseitigen Betrachtung wirtschaftlicher Phänomene durch die Brille einer wirklichkeitsfremden makroökonomischen Lehre ergeben. Jenseits jeglicher Realität ist die Vorstellung der akademischen Anhänger dieser Lehre, eine Notenbank könne durch Ankündigungen die Erwartungen der Menschen immer zuverlässig steuern. Dazu bedürfte es eines Grundvertrauens der Menschen in die Fähigkeit einer Notenbank, den Wirtschaftsablauf zu steuern, das aus gutem Grunde nicht vorhanden ist. Weder die amerikanische Fed noch die Europäische Zentralbank erfreuen sich eines ungetrübten Vertrauens der Menschen, und die Zweifler finden sich nicht nur unter Anhängern der amerikanischen Tea Party oder unter deutschen Stabilitätsfanatikern.

          Die Vorstellung von der Allmacht der Notenbank, die Akademiker anklingen lassen, steht nicht nur im Widerspruch zur leicht erkennbaren eingeschränkten Wirksamkeit von Geldpolitik in schweren Krisen. Sie erinnert auch an das Vertrauen sozialistischer Strategen in die Umsetzbarkeit von Fünfjahresplänen. In beiden Fällen liegt der Grundirrtum in der impliziten Annahme, Menschen handelten wie einfach programmierbare Roboter. Auf die Parallelen zwischen dem Geist der modernen amerikanischen Makroökonomik und dem Geist der Zentralplanwirtschaft weist mit besonderem Nachdruck der Ökonom Roman Frydman hin.

          Vertrauen in die staatlichen Institutionen

          Die Idee, die Inflation zum Heilmittel zu ernennen, hat theoretisch und historisch abgewirtschaftet. Wer glaubt, Menschen mit Inflationsangst würden heimische Güter und Dienstleistungen kaufen und damit die Wirtschaft ankurbeln, sollte einen Blick in das Deutschland des Jahres 2011 werfen: Hier legen Menschen, die um den Werterhalt ihrer Währung fürchten, Euro-Guthaben in Schweizer Franken, Gold, Immobilien oder norwegischen Kronen an. Damit befördern sie höchstens neuerliche Blasen an Vermögensmärkten, während der deutsche Konsum lahmt.

          Geradezu erschütternd ist die Bereitwilligkeit, mit der die Anhänger einer Inflationsstrategie den damit verbundenen weiteren Verlust an Reputation der Notenbanken in Kauf nehmen. Sie sehen eine solche Entwicklung, tolerieren sie aber als eine Art Kollateralschaden. Die Menschen müssen Vertrauen in die staatlichen Institutionen besitzen, zu denen die Notenbank zählt. Der Staat hat für einen zuverlässigen Ordnungsrahmen zu sorgen. Mit der Glaubwürdigkeit der Notenbank spielt man nicht. Verschuldungskrisen dauern nun einmal lange und lassen sich nicht durch finanz- oder geldpolitischen Aktionismus verkürzen. In einer Welt hoher Unsicherheit muss es die vornehmste Aufgabe der Notenbank bleiben, durch eine Politik stabilen Geldes ein Stück Sicherheit zu schaffen.

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