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Kommentar : Auf der Suche nach der Inflation

Die amerikanische Notenbank Federal Reserve wendet sich langsam von der lockeren Geldpolitik ab. Möglicherweise bleibt sie damit nicht allein. Bild: dpa

Es ist paradox: Trotz einer Geldpolitik der Superlative will die Inflationsrate einfach nicht auf das gewünschte Niveau klettern.

          3 Min.

          In der vergangenen Woche sind die Renditen der Anleihen in den Industrienationen ein Stück weit gestiegen. So kletterte die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 0,24 auf 0,46 Prozent. Äußerungen von Notenbankpräsidenten aus der Eurozone, aus Großbritannien, aus Kanada und aus Tschechien erzeugten an den Finanzmärkten Spekulationen, dass die Vereinigten Staaten in ihrer langsamen Abkehr von einer lange Zeit lockeren Geldpolitik nicht allein bleiben werden. Viele Ökonomen und Analysten in der Finanzbranche sprechen von einer bevorstehenden geldpolitischen Trendwende und meinen, diese Annahmen könnten die Anleiherenditen in den kommenden Wochen weiter nach oben ziehen.

          Es wird nicht viel geschehen. Denn eine der wichtigsten Größen für die kurzfristigen Leitzinsen der Notenbanken wie für die längerfristigen Renditen von Anleihen weigert sich beharrlich, deutlich zuzulegen: die Inflationsrate. Es gehört zu den Paradoxien unserer Zeit, dass einerseits die Geldpolitik mit Superlativen wie „hyperexpansiv“ oder „ultralocker“ beschrieben wird, während gleichzeitig die Notenbanken erhebliche Schwierigkeiten haben, die Inflationsrate auf das gewünschte Niveau von nahe 2 Prozent zu hieven.

          Inflationsraten von der Weltwirtschaft bestimmt

          Gelegentlich ist zu hören, die üblichen, nur auf Konsumgüterpreise bezogenen Indizes unterzeichneten die Inflation. Aber auch ein Blick auf den von Ökonomen gerne verwendeten und in der Tat aussagekräftigeren BIP-Deflator zeichnet kein wesentlich anderes Bild. Er enthält alle Preise, die der Berechnung der Wirtschaftsleistung zugrundeliegen, und er umfasst neben den Preisen für Konsumgüter auch die von Unternehmen gezahlten Preise. Der BIP-Deflator bewegte sich in den vergangenen Jahren in Deutschland zwischen 1,5 und 2 Prozent; für die Jahre 2017 und 2018 sagen Schätzungen Werte um 1,5 Prozent voraus. Das ist für eine Wirtschaft, die oberhalb ihres Potentials wächst, nicht viel.

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          Die Suche nach der hohen Inflation beschäftigte vor gut einer Woche die wichtigsten Notenbanker der Welt auf der Jahresversammlung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Dort hielt Claudio Borio, einer der erfahrensten BIZ-Ökonomen, einen bemerkenswerten Vortrag, indem er den geringen Inflationsdruck in den Industrienationen vor allem auf die Globalisierung zurückführte. Internationale Wertschöpfungsketten sorgen dafür, dass angesichts immer noch relativ billiger Arbeitskräfte auch in wirtschaftlich leistungsfähigen Schwellenländern und selbst im Konjunkturaufschwung der Industrienationen kaum eine Möglichkeit besteht, über einen längeren Zeitraum die Löhne kräftig zu erhöhen. Der globale Wettbewerb hält die Unternehmen von spürbaren Preiserhöhungen für ihre Produkte ab. Nationale Inflationsraten werden in der Tendenz weniger von der nationalen Politik, sondern mehr durch die globalen Wirtschaftsbedingungen bestimmt.

          Nationen sollten günstige Wirtschaftslage nutzen

          Die Analyse ist nicht neu; auffallend ist Borios Prognose, dass die von der Globalisierung geweckten Kräfte auch in den kommenden Jahren die Inflationsrate im Zaum halten dürften. Dies entspricht den Erwartungen an den Finanzmärkten, wie ein Vergleich der Preise von normalen und inflationsgeschützten Anleihen zeigt.

          Mit der Inflation könnte derzeit am ehesten die Bank of England eine Straffung ihrer Geldpolitik begründen. Andere Notenbanken hätten ein Argument parat, das ihnen die BIZ kürzlich ins Stammbuch geschrieben hat: Sie sollen die günstige Wirtschaftslage nutzen, um geldpolitischen Handlungsspielraum für eine künftige Rezession zu schaffen. Hinter vorgehaltener Hand räumen manche amerikanischen Notenbanker ein, dass die Fed vor allem aus diesem Grund – und nicht aus Inflationsfurcht – in der jüngeren Zeit mehrfach ihren Leitzins erhöht hat.

          Leitzinsen und Renditen bleiben niedrig

          Aber auch das geldpolitische Vorsorgeargument stößt an Grenzen. In einer Welt mit hoher Verschuldung, geringer Inflation und bescheidenen wirtschaftlichen Wachstumspotentialen wird keine Notenbank mit Verweis auf Spielraum in einer künftigen Rezession durch kräftige Zinserhöhungen die Rezession selbst herbeiführen wollen. Niedrige Inflations- und Wachstumsraten in Verbindung mit hoher privater und öffentlicher Verschuldung dürften nicht nur die kurzfristigen Leitzinsen, sondern auch die Renditen für Anleihen aus Ländern mit guter Bonität niedrig halten.

          An diesem Befund wird die wünschenswerte Beendigung von Anleihekaufprogrammen wenig ändern. Hier sind die Lehren aus den Vereinigten Staaten sehr interessant. Weder hat das Ende des Kaufprogramms Ende 2014 die Renditen der Staatsanleihen steigen lassen, noch haben die jüngsten Leitzinserhöhungen oder die Ankündigung der Fed, ihre Anleihebestände reduzieren zu wollen, den Renditen Flügel verliehen. Der Grund ist einfach: Auch im achten Jahr eines Konjunkturaufschwungs sind in den Vereinigten Staaten keine ernsthaften Inflationsgefahren zu erkennen. Das hätte man sich früher nicht vorstellen können. Und es muss nicht immer so bleiben. Aber es ist die Welt, in der wir derzeit leben und wohl auch noch einige Zeit leben werden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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