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Kenneth Rogoff im Gespräch : „Einige Länder sollten eine Euro-Auszeit nehmen“

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Ein Fachmann für Staatsverschuldung: Kenneth Rogoff Bild: Patrick Welter

Der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff übt im F.A.Z.-Interview scharfe Kritik an der EU-Rettungspolitik. Er fordert einen Schuldenschnitt von 30 bis 40 Prozent für die Euro-Peripherie. Einige Länder sollten für zehn Jahre aus dem Euro austreten.

          Kenneth Rogoff kennt Schuldenkrisen wie nur wenige andere. Zusammen mit Carmen Reinhart erregte er zuletzt Aufsehen mit einer umfassenden Studie über historische Finanzkrisen. Neu daran ist, dass sie Daten aus acht Jahrhunderten zusammengetragen und analysiert haben. Ein Schluss daraus ist: Europas Finanz- und Bankenkrise ist nicht außergewöhnlich. Rogoffs wissenschaftliche Arbeit geht weit über die Schuldenforschung hinaus.

          Der 57 Jahre alte Amerikaner ist auch ein ausgezeichneter Theoretiker der Geldpolitik. Die Jury des Center for Financial Studies, die ihm den „Deutsche Bank Prize in Financial Economics 2011“ verleiht, lobt seine Beiträge zur internationalen Finanztheorie und Makroökonomik. Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und Schachgroßmeister lehrt und forscht an der Harvard-Universität.

          Professor Rogoff, Europas Antwort auf die Schuldenkrise ist: mehr Geld, um Regierungen vor den Kapitalmärkten abzuschirmen. Ist das vernünftig?

          Nein. Es muss einige Umschuldungen geben in den Peripherie-Staaten, von privater Schuld und von öffentlicher Schuld. Eine Blankogarantie für die Schulden ist einfach kein geeignetes System für eine Wirtschaft. Es ist ein Trugschluss, dass Risiken und Kosten sich vermeiden ließen, wenn man Geld borgt und es Griechenland gibt, damit es nicht sofort zahlungsunfähig wird. Ein Problem zu verschleiern reduziert die Risiken nicht, es macht sie nur größer. Ein Endspiel muss einen Plan zur Umschuldung umfassen. Einige Schulden werden nicht zurückgezahlt werden. Die Menschen, die Griechenland Geld liehen, haben 2 bis 3 Prozentpunkte Zinsprämie dafür erhalten, dass sie dieses Risiko eingingen.

          Warum erhöht Europas Blankogarantie die Risiken?

          Zunächst einmal ist das moralische Risiko absurd hoch, wenn man eine Blankogarantie nicht nur für ein Jahr gibt, sondern für eine Dekade. Das schafft nur Anreize für die Regierungen, noch mehr Schulden aufzunehmen. Zweitens haben Deutschland, Frankreich und Italien schon sehr hohe Schulden, nicht katastrophal hoch, aber sehr hoch. Übernähme Deutschland die Schulden der Peripherie-Staaten, könnte seine Schuld um 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. 10 Prozentpunkte mehr Schulden sind in einem Land wie Deutschland, das schon mehr als 70 Prozent Schulden hat, nicht unbedeutend.

          Was ist schlimm an hohen Schulden?

          In meiner Arbeit mit Carmen Reinhart haben wir uns die Schulden von Dutzenden Staaten über mehrere Jahrhunderte angeschaut. Für entwickelte Länder ist es überraschend selten, dass ihre Schulden den Schwellenwert von 90 Prozent des BIP übersteigen, noch seltener sind es mehr als 120 Prozent. Auch wenn unsere empirische Arbeit keine Kausalität beweist, fanden wir heraus, dass hohe Schulden mit erheblich niedrigeren Wachstumsraten einhergehen.

          Warum ist das Wachstum niedriger, wenn die Schulden hoch sind?

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