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Kenneth Rogoff im Gespräch : „Einige Länder sollten eine Euro-Auszeit nehmen“

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Nein, natürlich nicht. Es wäre aber sinnvoll, einige Länder zu einer Euro-Auszeit zu ermuntern. Sie würden den Euro-Raum verlassen mit einem genau definierten Weg zum Wiedereintritt, vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren. Offen gesagt sehe ich keinen anderen Weg, wie man in Ländern wie Griechenland oder Portugal sonst die Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen kann. Ja, auch so würden alle Löhne sinken und die Staatsschuld stiege relativ zum Einkommen. Es gibt keinen einfachen Ausweg. Europa kann nur Zeit kaufen. In meiner Arbeit mit Reinhart zeigen wir, dass es eine große Zahl von Ländern gibt, in denen der Internationale Währungsfonds (IWF) einen Kredit gab, vielleicht noch einen, und es am Ende doch zur Umschuldung kam. Es sieht so aus, als ob Europa sich auf diesem Weg befindet.

Erwarten Sie in den Vereinigten Staaten eine Schuldenkrise wie in Europa?

Die Schulden von Kalifornien und anderer Staaten sind, gemessen am Einkommen, relativ klein. Das große Problem der Staaten sind die Pensionen für ihre Angestellten, die riesig und kläglich unterfinanziert sind. Manche Staaten sehen sehr wie Griechenland aus, Illinois etwa. Aber insgesamt ist das Problem in den Vereinigten Staaten gerade das Gegenteil des europäischen. In Europa ist das Zentrum solide und die Peripherie steht vor dem Bankrott. In den Vereinigten Staaten hat die Zentrale eine untragbare Schuldenentwicklung. Leider kann kein Politiker mehr Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen vorschlagen und im Amt bleiben, seit Ronald Reagan die Menschen einer Gehirnwäsche unterzog und sie an ein „Perpetuum Mobile“ glauben.

Gibt es in Amerika genügend politische Bemühung, um die Schulden anzugehen?

Mit Sicherheit nicht. Sobald es ein Problem gibt, glauben Amerikas Wähler, dass Steuern gesenkt oder Ausgaben erhöht werden müssen, oder beides. Das ist das Gegenteil vom deutschen Wähler. Ich hoffe, dass nach 2012, falls Präsident Obama wiedergewählt wird, er das Problem angeht - aber erwarten Sie nicht zu viel.

Die Zentralbank Federal Reserve wurde scharf kritisiert für die zweite quantitative Lockerung (QE2) und den Ankauf von 600 Milliarden Dollar Staatsanleihen. Teilen Sie diese Kritik?

Nein. Ich denke, die Fed hat das Richtige gemacht. Aber es gibt ein Risiko, dass es schrecklich endet. QE2 bedeutet eine Ausweitung der Geldmenge in sechs Monaten um 60 Prozent, das ist ein außergewöhnliches Experiment und eine im Kern unerprobte Politik. Ich lehre diese Idee der quantitativen Lockerung seit 15 Jahren. Unglücklicherweise sind ökonomische Modelle nicht perfekt. Es ist damit nicht völlig unangemessen, dass der deutsche Finanzminister und seine Kollegen auf der Welt sich beschweren und sagen: „Wir haben euch zum Zentrum des Weltwährungssystems gemacht, wir möchten nicht, dass ihr es in die Luft jagt. Wir möchten gefragt werden, wenn ihr solch ein Risiko eingeht.“ Das ist ein berechtigter Punkt. Die Vereinigten Staaten sagen, das ist unsere Politik, warum sollen wir euch fragen. Das stimmt natürlich nicht ganz. Der Dollar ist die Weltreservewährung und die ganze Welt ist um ihn herumgebaut.

Sind die heutigen Zinssätze zu niedrig, blasen wir neue Blasen auf?

Wir haben derzeit zu niedrige Zinssätze, da gibt es keinen Zweifel. Die niedrigen Zinsen übertragen sich noch nicht in Inflation, weil das Finanzsystem paralysiert ist. Aber gerade in den Ländern, die zuvor keine große Immobilienblase hatten, entwickelt sich nun eine.

Die Fragen stellte Patrick Welter.

Fachmann für Staatsverschuldung

Kenneth Rogoff kennt Schuldenkrisen wie nur wenige andere. Zusammen mit Carmen Reinhart erregte er zuletzt Aufsehen mit einer umfassenden Studie über historische Finanzkrisen. Neu daran ist, dass sie Daten aus acht Jahrhunderten zusammengetragen und analysiert haben. Ein Schluss daraus ist: Europas Finanz- und Bankenkrise ist nicht außergewöhnlich. Rogoffs wissenschaftliche Arbeit geht weit über die Schuldenforschung hinaus. Der 57 Jahre Amerikaner ist auch ein ausgezeichneter Theoretiker der Geldpolitik. Die Jury des Center for Financial Studies, die ihm den „Deutsche Bank Prize in Financial Economics 2011“ verleiht, lobt seine Beiträge zur internationalen Finanztheorie und Makroökonomik. Der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und Schach-Großmeister lehrt und forscht an der Harvard-Universität. (pwe.)

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