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Keine Erholung in Europa : Im fünften Jahr der Krise

Was vom Bauboom in Spanien blieb: Faule Hypotheken belasten die Banken und die Staaten sind an ihre Grenzen gekommen Bild: Röth, Frank

Wie ein Virus hat die Finanzkrise die Welt erfasst. Einige Länder haben sich von der Rezession erholt, halb Europa liegt unter dem Vorkrisenniveau. Das „Endspiel“ der Krise trifft die Staaten.

          Es war einmal eine Zeit, da die Welt glaubte, es werde keine großen Wirtschaftskrisen mehr geben. Zumindest einige Top-Ökonomen in Amerika glaubten das. Die moderne Makroökonomie „war erfolgreich: Ihr zentrales Problem, eine Depression zu vermeiden, ist gelöst“, versicherte Nobelpreisträger Robert Lucas vor zehn Jahren. Von „Great Moderation“ sprachen die Ökonomen: Niedrige Inflation und konstant hohes Wachstum seien möglich. Die wichtigsten Zentralbanker - von Fed-Chef Alan Greenspan bis zu seinem Nachfolger Ben Bernanke - waren davon überzeugt.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wann immer der Finanzsektor oder die Realwirtschaft einen Schwächeanfall bekamen, pumpte Greenspan billiges Geld ins System. Zunächst ging das gut. Die Vereinigten Staaten erlebten einen langen Boom. Dann aber bildete sich eine gigantische Blase am Immobilienmarkt. Als diese zu platzen begann und die faulen Kredite, verpackt in Verbriefungen und verkauft in die ganze Welt, den hoch gehebelten globalen Finanzsektor vergifteten - da brach die schöne neue Welt zusammen. Im Herbst 2008, nach dem Kollaps von Lehman Brothers, rückte sie nahe an den Abgrund.

          Wichtigste Börsen brachen ein

          Im Verlauf von 2008 rauschten die Aktienkurse mit einer zuvor nicht gesehenen Dramatik in den Keller. Die wichtigsten Börsen der Welt brachen um mehr als ein Drittel bis fast die Hälfte ein. Die Krise vernichtete an den Finanzmärkten „Werte“ von 50 Billionen Dollar, errechnete die Asiatische Entwicklungsbank (ADB). Das entsprach in etwa dem damaligen Weltsozialprodukt. Doch just als ADB-Präsident Haruhiko Kuroda im März 2009, vor genau vier Jahren, die Worte aussprach: „Ich fürchte, es wird noch schlimmer, bevor es wieder besser wird“, da drehte die Stimmung an den Märkten. Geholfen hat dabei ganz maßgeblich die Billig-Geld-Politik der Zentralbanken der Welt.

          Zuvor hatten die Zentralbanken wie die amerikanische Fed, die Bank of England sowie die Bank of Japan die Leitzinsen im Herbst 2008 sturzflugartig bis fast null gesenkt, die Europäische Zentralbank blieb bei 1 Prozent stehen. Noch wichtiger waren die Liquiditätsprogramme und der Ankauf von Anleihen und Wertpapieren. Die Fed begann mit den Quantitativen Lockerungen. Die Fed hat seitdem ihre Bilanzsumme auf 3 Billionen Dollar mehr als verdreifacht. Auch die anderen Zentralbanken haben die Geldbasis massiv ausgeweitet.

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          Als die Realwirtschaft im März 2009 am Boden lag, begannen die Aktienbörsen eine beispiellose Rally. Seitdem haben Dow Jones und Dax sich rund verdoppelt und übertreffen nun allesamt die Vorkrisenstände um gut 20 Prozent. Nur der Eurostoxx liegt weit darunter. Darin spiegelt sich auch die unterschiedliche Erholung oder Nichterholung von der Krise 2008/2009. Deutschlands BIP brach 2009 um gut 5 Prozent ein.

          Die exportorientierte Wirtschaft litt besonders unter der schlagartig wegbrechenden globalen Nachfrage nach Investitions- und Industriegütern. Als die Weltwirtschaft einen Boden fand und die Nachfrage wiederkam, profitierte Deutschland besonders davon. Die Erholung nahm einen V-artigen Verlauf. 2010 und 2011 wuchs Deutschland um 4 und gut 3 Prozent. Im vergangenen Jahr bremste die Euro-Krise, doch gab es noch ein kleines Plus.

          Griechische Wirtschaft im freien Fall

          Damit hat Deutschland sein Vorkrisenniveau real um etwas mehr als 1 Prozent überschritten. Weiter über dem Vorkrisenniveau liegen die Vereinigten Staaten - und natürlich die Schwellenländer wie China, das nach einer Delle mit starken Raten weiterwuchs. In Teilen (Süd-)Europas jedoch hat die Finanz- und Wirtschaftskrise eine tiefsitzende Wettbewerbsschwäche offenbart, die zuvor durch Bau- und Konsumbooms auf Pump überdeckt war.

          Griechenlands Wirtschaft ist seit fünf Jahren praktisch im freien Fall, es hat mehr als ein Fünftel seines aufgeblähten Vorkrisenniveaus eingebüßt. Spanien, Portugal und Italien stecken in Rezessionen. Das italienische BIP liegt fast 8 Prozent unter dem Stand von 2008, das spanische um fast 6 Prozent. Von den Peripherieländern hat allein Irland die Wende geschafft und kann nach einer schweren Rezession wieder Wachstum vorweisen.

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