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An der Börse geht die Angst um : Kapitalanlage in der Krise

Kurseinbußen an den Märkten weltweit bereiten Händlern und Anlegern Sorge Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten verunsichern die Anleger. Viele Privatanleger haben sich schon von der Aktie verabschiedet. Doch auch die Flucht ins Gold und den Schweizer Franken ist riskant.

          Anleger brauchen in diesen Tagen gute Nerven. Das gilt nicht nur für den privaten Anleger, sondern auch für Profis. Selbst Marktteilnehmer mit jahrzehntelanger Erfahrung gestehen, niemals eine derart unsichere Verfassung von Wirtschaft und Finanzmärkten erlebt zu haben. Hinzu kommt, dass viele Anleger mürbe geworden sind in einer Krise, die schon vier Jahre dauert, von kräftigen Kursausschlägen in beide Richtungen gekennzeichnet ist und überdies kein Ende zu finden scheint. Als belastend erweist sich zudem die hohe Komplexität der Vorgänge in Politik, Wirtschaft und an Märkten. Auch erfahrene Kenner der Märkte tun sich schwer, die einzelnen Ereignisse zuverlässig einzuordnen und zu bewerten.

          Der jüngste Verlauf der Krise lässt deutliche Veränderungen des Anlegerverhaltens erkennen. Mit Staatsanleihen aus Industrienationen sowie Aktien verlieren zwei zentrale Anlagekategorien an Reputation. Die Zeiten, in denen Staatsanleihen aus Industrienationen unbesehen als risikolose Kapitalanlage gekauft wurden, sind vorüber. Künftig werden die mit Staatsanleihen verbundenen Bonitätsrisiken eine stärkere Berücksichtigung finden müssen. Dies dürfte weitreichende Konsequenzen für die Anlagepolitik vor allem von Pensions- und Investmentfonds, Versicherungen und Stiftungen besitzen.

          Auf der Suche nach sicheren Häfen

          Immer deutlicher wird in diesen Wochen der Abschied des Privatanlegers von der Aktie. Das ist eine bedauerliche, aber auch nachvollziehbare Entwicklung. Nach Berichten von Banken und Vermögensberatern sind es vor allem ältere und nicht selten vermögende Privatanleger, die sich von ihren Papieren trennen. Diese Anleger hatten ihre Aktien nicht selten vor Jahrzehnten erworben und nach der alten Methode „Kaufen und Liegenlassen“ nicht angerührt. Die extrem starken Kursschwankungen der vergangenen 15 Jahre haben jedoch viele Aktionäre desillusioniert und den Eindruck erweckt, beim Aktienmarkt handele es sich nicht um einen seriösen Teil des Kapitalmarkts, sondern um ein Kasino, in dem nach unverständlichen Regeln gespielt wird.

          Wie in jeder Krise zieht es den Anleger in von ihm als sicher empfundene Anlagen. Hierzu zählt der Aufbau von Bankguthaben durch Verkäufe von Wertpapieren, der sich unter anderem in den Vereinigten Staaten beobachten lässt. Ein zunehmendes Misstrauen in den Euro und den Dollar hat die Nachfrage nach Gold und nach ausgewählten Währungen kleiner Länder wie der Schweiz oder Norwegens gesteigert. Diese Märkte sind allerdings klein und eignen sich deswegen als Fluchtpunkte nur bedingt. Zudem beginnt sich die Schweiz an der starken Aufwertung des Frankens zu stören.

          Die Unsicherheit kann noch dauern

          Den Anleger interessiert am brennendsten die Frage nach der weiteren Entwicklung an den Finanzmärkten. Die ehrlichste Antwort lautet: Niemand, auch nicht der erprobteste Fachmann, kann dies wissen. Die Vorstellung, dass die große Unsicherheit noch Jahre dauern und die Anleger damit noch weiter zermürben wird, erscheint jedoch nicht unplausibel. Hierfür spricht der Charakter dieser Krise.

          Überschuldungskrisen besitzen die Tendenz, lange zu dauern. Der kontrollierte Abbau einer über Dekaden aufgebauten Verschuldung benötigt viele Jahre. Selbst unter der Annahme einer ordentlichen Konjunkturentwicklung bräuchten die meisten Industrienationen mindestens bis zur Mitte des Jahrzehnts, um ihre Neuverschuldung auf null zu reduzieren. Erst danach wäre an einen allmählichen Abbau der Schuldenberge zu denken.

          Dieses Szenario ist aber mit hoher Unsicherheit belastet. Ungewiss erscheint, dass alle Regierungen eine langfristige Sanierungspolitik durchhalten. Das eine oder andere Land mag eine höhere Inflationsrate als Mittel zur Erleichterung der Schuldenlast ansehen. In wieder anderen Fällen könnte eine Umschuldung oder eine externe Rettung notwendig werden.

          Angst vor der Rezession

          Vor allem aber setzt die langfristige Sanierung der Staatsfinanzen eine gut laufende Wirtschaft voraus. An den Finanzmärkten grassiert in diesen Tagen aber die Furcht vor einer Schwäche der Weltkonjunktur. Europa und Amerika könnten nach dieser Sicht wieder in eine Rezession stürzen, während die Schwellenländer zwar weiter, aber sehr viel langsamer wachsen.

          Ob sich dieses Szenario bewahrheitet, bleibt abzuwarten. Aber nicht nur die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Staatsschuldenkrise beginnt auf der Wirtschaft zu lasten. Die in den Jahren 2008 und 2009 beschlossenen Konjunkturprogramme verlieren an Zugkraft. Eingeholt werden die Industrienationen zudem von den negativen Folgen der von ihnen betriebenen extrem expansiven Geldpolitik: Sie hat zum Anstieg der Rohstoffpreise beigetragen, der wiederum in den Schwellenländern die Inflationsrate steigen lässt und das Wirtschaftswachstum dämpft, worunter jetzt die Industrienationen zu leiden beginnen.

          Diese Unsicherheit muss keineswegs in einen Börsen- oder Währungskrach führen. Vielmehr erscheint eine lange Periode schwachen Wirtschaftswachstums mit wiederkehrenden Schüben von Verunsicherung denkbar, die sich in starken Kursausschlägen an den Märkten äußern dürfte. Für den Anleger bleiben die Zeiten schwierig.

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