https://www.faz.net/-gqe-9y44q

Rund 500 Milliarden Euro : Japan erwägt riesiges Notprogramm

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe Bild: Reuters

Zur Abwehr der ökonomischen Folgen der Virus-Infektion diskutiert die japanische Regierung ein Hilfsprogramm von mehr als 10 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Ministerpräsident scheut keine historischen Vergleiche.

          3 Min.

          Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hat zwei neue Modewörter, in die er seine wirtschaftspolitischen Botschaften in den vergangenen Tagen verpackt. Das eine lautet „V-förmige Erholung“. Abe verspricht, dass die Wirtschaft sich nach dem schnellen Einbruch infolge der Coronavirus-Pandemie ähnlich schnell wieder erholen wird. Wenn das gelingt, ähnelte die Wachstumskurve einem V, das man auf Englisch auch als „Victory“ oder Sieg lesen kann.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Das zweite Modewort von Abe ist eine Beschreibung und lautet „Rettungspaket, größer als nach dem Lehman-Schock“. Das wird sich nach den jüngsten Forderungen aus der Regierungspartei der Liberaldemokraten (LDP) auf mindestens 60 Billionen Yen (504 Milliarden Euro) oder mehr als 10 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung belaufen. Dabei geht es um Geldgeschenke an Haushalte und Finanzhilfen für Unternehmen.

          Wie unsicher die Wirtschaftsaussichten sind, belegte am Mittwoch die vierteljährliche Tankan-Umfrage der Bank von Japan, die grob dem deutschen Ifo-Geschäftsklimaindex gleicht. Demnach ist die Stimmung der japanischen Großunternehmen des verarbeitenden Gewerbes so schlecht wie seit sieben Jahren nicht mehr. Der entsprechende Stimmungsindex sank auf minus 8 Prozentpunkte und zeigt damit erstmals seit April 2013 wieder mehr pessimistische als optimistische Unternehmen.

          Sprunghaft gestiegen

          Noch stärker fiel der Stimmungseinbruch bei Dienstleistungsunternehmen und dabei insbesondere im Gastgewerbe und im Transportwesen aus. Das Gros der an der Umfrage beteiligten Unternehmen erwartet eine weitere Verschlechterung, wobei die kleinen und mittleren Unternehmen deutlich pessimistischer in die Zukunft blicken als die großen. Die Umfrage lief von Ende Februar bis Ende März und bildet so nur zum Teil die wirtschaftlichen Schrecken der Pandemie ab, die in den vergangenen Wochen auch Europa und Amerika ergriffen hat.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Verglichen mit der globalen Finanzkrise 2008/2009, die in Japan gerne als Lehman-Schock bezeichnet wird, hat das Tankan-Stimmungsbarometer jedenfalls noch gehörig Luft nach unten. Japans Wirtschaft leidet vor allem unter der unsicheren Auslandsnachfrage. Die noch im Februar befürchteten abgeschnittenen Zulieferketten aus China führten zu keinen größeren Verwerfungen.

          Besser als viele andere Länder

          Ausbleibende Touristen und der mit dem zunehmenden Stillstand des öffentlichen Lebens in Europa und Amerika verbundene Nachfrageausfall nach japanischen Produkten aber belasten nun die Aussichten. Deutlich wird das etwa daran, dass Japans Autohersteller zum Teil ihre Produktion auch in Japan zum Teil zurückfahren. Volkswirte erwarten für das gerade begonnene Quartal die dritte Schrumpfung der  Wirtschaftsleistung nacheinander.

          Im Inland hat Japan den „Shutdown“ genannten Stillstand der Wirtschaft bislang weitgehend vermieden, weil es im Gegensatz zu westlichen Ländern bislang kein nationales Einfrieren des öffentlichen Lebens gab. Forderungen danach gewinnen indes an Lautstärke, nachdem in den Ballungsräumen Tokio und Osaka die Zahl der neuen Infektionen zuletzt sprunghaft gestiegen war.

          Noch hält die Regierung eine angeordnete Schließung des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft indes nicht für angebracht. Ihre rechtlichen Mittel wären ohnedies begrenzt, selbst wenn Abe den nationalen Notstand ausriefe. Mit rund 2000 Infektionsfällen und zuletzt 56 Toten hält Japan dem Virus bislang besser stand als viele andere Länder. Ein „Shutdown“ allein von Tokio und den drei wichtigsten angrenzenden Präfekturen beträfe eine Wirtschaft von rund 180 Billionen Yen (1,5 Billionen Euro), die für sich genommen in der Weltrangliste der größten Wirtschaften auf Rang zehn stünde, hinter Brasilien und vor Kanada.

          170 Milliarden Euro „frisches Wasser“

          Vier Wochen Stillstand in der Region und ein angenommener Nachfragerückgang dort um 40 Prozent könnte die jährliche Wirtschaftsleistung ganz Japans um 0,7 Prozentpunkte drücken, haben die Volkswirte von Goldman Sachs berechnet – in einer Situation, in für Japan für das Gesamtjahr schon jetzt eine Schrumpfung um 3 Prozent oder mehr prognostiziert wird. 2009 war die japanische Wirtschaft um 5,4 Prozent geschrumpft.

          Solchen wirtschaftlichen Schäden will Abe mit dem fiskalischen Notpaket entgegenwirken. Bislang hatte sich überwiegend die Bank von Japan mit verstärkten Ankäufen von handelbaren Fondsanteilen (ETF) und Staatsanleihen zur monetären Liquiditätszufuhr in die Finanzmärkte gegen die drohende Rezession gestemmt. Mit vermutet mindestens 60 Billionen Yen wäre das fiskalische Rettungspaket größer als das Paket von 57 Milliarden Yen, das die Regierung im April 2009 gegen den damaligen Wirtschaftseinbruch schnürte.

          Insgesamt hatte Japan in der Wirtschaftskrise 2008/2009 fünf Pakete im Gesamtvolumen von 157 Billionen Yen beschlossen. Diese Zahlen verdecken, dass die tatsächlichen fiskalischen Mehrausgaben üblicherweise weitaus geringer sind. „Mamizu“, frisches Wasser, nennen die Japaner diese echten Impulse. Der nun diskutierte Vorschlag über 60 Billionen Yen würde fiskalisch nur mit rund 20 Billionen Yen (168 Milliarden Euro) zu Buche schlagen.

          Der Rest ergibt sich aus garantierten vergünstigten Kreditvolumina und privaten Ausgaben, die angeregt werden sollen. Erst im Dezember hatte die Regierung ein Konjunkturprogramm aufgelegt, um gegen den Konjunktureinbruch nach der Erhöhung der Konsumsteuer im Oktober anzugehen. Damals bezifferte die Regierung den Umfang mit 26 Billionen Yen. Der tatsächliche fiskalische Impuls belief sich indes auf nur 13,2 Billionen Yen.

          Weitere Themen

          Konsumklima erholt sich langsam Video-Seite öffnen

          Nach ersten Lockerungen : Konsumklima erholt sich langsam

          Maskenpflicht und Abstandsgebot drücken auf die Konsumlaune der Deutschen und machten Einkaufen zuletzt eher zur lästigen Pflichtübung als zum Shopping-Erlebnis. Mit den ersten Lockerungen in der Coronakrise allerdings hat sich die Verbraucherlaune wieder etwas aufgehellt.

          Topmeldungen

          Haben verschiedene Vorstellungen vom „Wiederaufbau“: Angela Merkel und Sebastian Kurz

          Österreichischer Bankchef : Lob für Merkel, Kritik an Kurz

          „Einen wirklich großartigen Plan“ nennt der Chef der größten österreichischen Bank den Vorschlag, die EU solle gemeinsame Schulden machen und das Geld als Zuschüsse an Krisenstaaten vergeben. Bernhard Spalt geht damit auf Konfrontation zu Kanzler Kurz.
          „Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun“, schrieb Drosten über die Anfrage der „Bild“

          „Bild“ gegen Drosten : Die versuchte Vernichtung

          Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten legt vor allem eines offen: Das Desinteresse vieler an den Fakten für eine angemessene Pandemie-Politik.

          Sieg im Bundesliga-Topspiel : Der FC Bayern beendet den BVB-Traum

          Dortmund wollte gegen den deutschen Rekordmeister mithalten, verliert aber nach einem packenden Duell samt Traumtor. Damit zieht der FC Bayern im Kampf um die Meisterschaft weiter davon. Und dem BVB droht nun eine weitere herbe Enttäuschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.